Wie Schule wieder normal wird - und das auf Widerstand stößt

Von Normalität kann an den meisten deutschen Schulen keine Rede sein. Es gelten Notstundenpläne. Da dürfen Kinder zwecks Infektionsschutz zum Beispiel nur freitags für einige Stunden zum Unterricht, an den übrigen Wochentagen sind ihre Mitschüler dran.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Morgen, 

über einen "Alibi-Schulbetrieb" empört sich mein Kollege Markus Feldenkirchen mit Blick auf Berlin und andere Bundesländer. Damit spricht er sicher vielen Eltern aus der Seele. Andernorts dagegen kehrt an den Schulen so etwas wie Normalität zurück, und das wird auch nicht nur bejubelt. 

In Nordrhein-Westfalen dürfen seit diesem Montag alle Grundschüler wieder täglich in die Schule gehen und zwar im normalen Klassenverband - ohne Abstandsregel. Die wurde gekippt, so wie schon in anderen Bundesländern. Bei einigen Lehrkräften stößt das auf massiven Widerstand. Sie fürchten um ihre Gesundheit, auch aus Altersgründen und müssen sich deswegen einiges an Vorwürfen anhören. (Das ist los.) Der Streit beschäftigt bereits etliche Gerichte. Es gibt auch schon mehrere Urteile. (Gut zu wissen.)

Neben der Corona-Pandemie beherrscht noch ein anderes Thema die Nachrichten: Proteste gegen Rassismus. Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd wird nicht nur Polizeigewalt gegen Schwarze angeprangert. Es geht viel grundsätzlicher um strukturelle Diskriminierung von People of Colour und gesellschaftlichen Rassismus, in den USA ebenso wie in Deutschland. In dieser Debatte rückt auch das Bildungssystem in den Blick. (Das ist los.)

Zum Schluss des heutigen Newsletters wollen wir Ihnen noch die Idee eines Mathelehrers aus Bayern präsentieren. Er beschreibt (natürlich) in einem Erklär-Video, wie Lehrerinnen und Lehrer viel Zeit und Arbeit sparen und gleichzeitig besseren, digitalen Unterricht machen können.

Vielleicht haben Sie Anregungen oder Fragen, dann erreichen Sie uns unter kleinepause@newsletter.spiegel.de. Bleiben Sie gesund!

Das Team von „Kleine Pause“ wünscht alles Gute 
Susmita Arp, Silke Fokken, Armin Himmelrath 

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Das ist los

1. Gibt es an deutschen Schulen ein Rassismus-Problem?

"Sir, alles beginnt mit Bildung", sagt der Filmemacher Spike Lee in einem Interview mit der Deutschen Welle, als es um die seit Wochen andauernden Proteste gegen Rassismus geht, ausgelöst durch den Tod des Afroamerikaners George Floyd, der nach Polizeigewalt starb. Ihm sei beigebracht worden, dass George Washington nie gelogen habe, nicht einmal, als er den Kirschbaum seines Vaters fällte, so Lee. "Aber man hat uns nie beigebracht, dass George Washington, der erste Präsident Amerikas, 123 Sklaven besaß. Das hat man weggelassen. Absichtlich!"

Lee ist nicht der einzige, der in diesen Tagen den Blick auf Bildung und Erziehung lenkt, wenn es um gesellschaftlichen Rassismus geht und darum, wie dieser bekämpft werden kann. Das gilt für die Debatte in den USA ebenso wie in Deutschland. Ob es an den Schulen hierzulande überhaupt ein Rassismus-Problem gibt, wie Lehrkräfte für das Thema in ihrer Ausbildung sensibilisiert werden und welche Rolle Schulbücher spielen? Diesen Fragen ist meine Kollegin Swantje Unterberg nachgegangen. Lesen Sie hier den Überblick:

2. Streitfall Abstandsregel: Bildung versus Gesundheit?

Normalität, lautet in diesen Tagen das neue Zauberwort der deutschen Kultusminister. Spätestens im neuen Schuljahr streben sie wieder einen regulären Schulbetrieb an - wenn das Infektionsgeschehen dies denn zulasse. Dieses Hintertürchen lassen sie sich offen. An diesem Donnerstag treffen sich die Minister zu einer Videoschalte und wollen mit Experten beraten, wie Unterricht nach den Sommerferien aussehen kann. Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, hat sich dafür ausgesprochen, den Mindestabstand von 1,50 Meter an Schulen aufzuheben.

Länder wie Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Thüringen und Nordrhein-Westfalen haben in dieser Frage bereits Tatsachen geschaffen. An Grundschulen gibt es keine Abstandsregeln mehr. Die Alternative: feste Gruppen. So will man das Ansteckungsrisiko reduzieren und Infektionsketten zurückverfolgen können. Damit kehrt ein Stück Normalität an die Schulen zurück. Kinder und Jugendliche hätten ein Recht auf Bildung, argumentieren die Befürworter. Viele Lehrkräfte allerdings halten mit dem Gesundheitsschutz dagegen. Von einem "Spiel mit dem Feuer", spricht Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE).

Beckmann argumentiert mit dem Gesundheitsschutz. Es sei "eine Farce, wenn in jedem Supermarkt die Zahl der Personen begrenzt wird, an der Kasse Abstand gehalten werden muss und man durch eine Plexiglasscheibe vom Verkaufspersonal getrennt ist – aber an Schule auf weniger Raum kein Abstand eingehalten werden muss." Laut einer Umfrage des VBE fühlt sich rund ein Drittel der Lehrkräfte nicht ausreichend geschützt.

3. Gilt die Schulpflicht auch für Lehrer?

Dass sich Lehrer um ihre Gesundheit sorgen, stößt bei vielen Nicht-Lehrern auf wenig Verständnis, milde formuliert. Vielmehr wird subtil unterstellt, der eine oder andere Pädagoge stelle sich wohl etwas an. Ein Aufreger-Thema, das mehrere Medien aufgreifen: Die "FAZ" wirft Lehrerverbänden in einem Kommentar "Weltfremdheit" vor. Sie richteten zudem, den "größten denkbarer Imageschaden" für all die Lehrer an, "die still ihre Arbeit tun, nicht klagen und sich selbst dann nicht zur Risikogruppe zählen, wenn sie die sechzig überschritten haben".

Diplomatischer formuliert es Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) in einem "Taz"-Interview: Es gebe unter den Kultusministern lebhafte Gespräche, "weil viele Lehrkräfte sich zu stark sorgen. In einigen Ländern sagen bis zu 30 Prozent: Unterricht ist zu gefährlich für mich. Das ist ein bisschen schwierig zu erklären." Die "Zeit" fragt provokant: "Gilt die Schulpflicht auch für Lehrer?" Eine so große Zahl von Lehrern stufe sich als Risikogruppe ein, dass Unterricht auch in Zukunft schwierig bleiben werde. Was da denn schief laufe? Dazu folgt ein Streitgespräch mit Hubig und einem Elternvertreter. Die KMK-Präsidentin müht sich darin um versöhnliche Antworten: Die Kollegen "sitzen ja nicht krank zu Hause auf dem Sofa, sondern begleiten den Fernunterricht". Der Vorsitzende des deutschen Lehrerverbandes empfindet trotzdem eine "Anti-Lehrerstimmung".

Gut zu wissen

Wer in dem Streit um Abstandsregeln und Gesundheitsschutz Recht behalten will, zieht vor Gericht - und da verbuchen besorgte Lehrkräfte derzeit wenige Erfolge. Alle paar Tage erreichen uns in der Redaktion neue Urteile. Hier bekommen Sie einen kleinen Überblick:

  • Kann ein 62 Jahre alter Berufsschullehrer in Rheinland-Pfalz zum Präsenzunterricht verpflichtet werden? Das Alter allein ist jedenfalls kein Hinderungsgrund, entschied das Arbeitsgericht Mainz (Aktenzeichen: 4 Ga 10/20). Es sei nicht Aufgabe der Gerichte darüber zu entscheiden, welcher Lehrer wie eingesetzt werden könne. Der Mann sollte zudem Einzelförderunterricht in einem 25 Quadratmeter großen Raum erteilen. Dort könnten Abstandsregeln eingehalten werden.

  • Muss eine Grundschullehrerin in Sachsen im Klassenraum unterrichten, wenn sie ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit gefährdet sieht, weil die Abstandsregeln abgeschafft wurden? Ja, urteilte das Oberverwaltungsgericht Bautzen. Es sei bislang wissenschaftlich nicht eindeutig erwiesen, dass Lehrkräfte durch infizierte Kinder gefährdet würden, wenn diese den Mindestabstand nicht einhielten. Eine fortdauernde Beschulung zu Hause könne zudem "zu schwerwiegenden Entwicklungsdefiziten und zu weiteren Gefahren für die Kinder" führen.

Video der Woche

Robert Plötz, 50, seit rund zwanzig Jahren, Lehrer für Mathematik und Physik an einem Gymnasium in München, ist der Meinung, beim "digitalen Lernen" habe die Politik die Lehrerinnen und Lehrer über Jahre weitgehend allein gelassen. Das räche sich in der Pandemie. "So macht jeder Lehrer sein Ding und sucht bei YouTube nach Angeboten", sagt Plötz, "aber insgesamt gibt es im Internet eher zu viel als zu wenig Material, und manches ist überhaupt nicht geeignet."

Die Folge: Das "digitale Lernen" per Fernunterricht lässt in der Qualität zu wünschen übrig. "Wenn man etwas umdenkt, könnten wir es alle leichter haben und die Schüler würden stark profitieren", so Plötz. In einem rund sechs-minütigen YouTube-Video rechnet der Lehrer vor, auf welch absurde Weise gerade Arbeitszeit verschwendet wird - und was sich seiner Meinung ändern müsste. Spoiler: Es geht um professionell organisierte Teamarbeit. Viel Spaß beim Zuschauen!

Ideen, Anregungen, Feedback? Wir freuen uns über Post an kleinepause@newsletter.spiegel.de.

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