Wie digital wird das kommende Schuljahr? 

Mehr digital gestütztes Lernen, neue didaktische Ansätze: Dass der Unterricht nach Corona ein anderer sein wird, darüber herrscht überwiegend Einigkeit. Aber wie soll und kann er konkret aussehen? 

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Morgen,  

zwei Entwicklungen haben die vergangenen Tage geprägt. Da war zum einen der Wettlauf der Bundesländer, die Schulen am schnellsten und umfassendsten zu öffnen. Zum anderen die Debatte, wie es denn eigentlich weitergeht beim angestrebten Regelbetrieb in den Schulen: Kann der noch so aussehen wie vor der Coronakrise? Gut, dass darüber jetzt diskutiert wird („Das ist los“). 

In Europa knirscht es ja gerade vernehmbar, die schnelle Rückbesinnung auf nationalstaatliche Grenzen im Zuge der Coronakrise ist daran nicht unschuldig. Ein  positiveres Signal sendet da ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Frage, wie denn eine Lehrerin, die länger im Ausland unterrichtete, nach ihrer Rückkehr in den deutschen Schuldienst eingestuft wird. Spoiler: genau so, als hätte sie in Deutschland gearbeitet („Gut zu wissen“).  

Zum Schluss des heutigen Newsletters haben wir noch etwas zum Hören für Sie: “Mr. Pisa”, eine Kultusministerin und eine Lehrervertreterin diskutieren über die Zukunft der Schulen. 

Bei Fragen und Anregungen erreichen Sie uns unter kleinepause@newsletter.spiegel.de. Bleiben Sie gesund! 

Das Team von „Kleine Pause“ wünscht alles Gute 
Susmita Arp, Silke Fokken, Armin Himmelrath 

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Das ist los

1. Wettlauf der Bundesländer

Zugegeben: Wir im SPIEGEL-Bildungsteam haben uns in den vergangenen Wochen ab und zu verwundert die Augen gerieben (jeder für sich natürlich, im Home-Office). Weil uns das Tempo, mit dem die Bundesländer die Schul- und Kitaöffnung vorangetrieben haben, manchmal doch verwundert hat.

Auf der anderen Seite sehen wir natürlich die Eltern und ihren Wunsch nach irgendetwas, das sich mal wieder so anfühlt wie Normalität. Eine schwierige Situation – die noch dadurch verschärft wird, dass der Unterricht auf Distanz Bildungsverlierer zu produzieren droht.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek hat zwar in Sachen Schulpolitik nichts zu sagen, eingemischt hat sie sich aber trotzdem – und erst vor einem “Überbietungswettbewerb” der Bundesländer gewarnt, um dann ein paar Tage später mehr Tempo anzumahnen: “Nach den Ferien muss überall ein strukturierter Unterricht angeboten werden - und zwar so, dass möglichst ein volles Schulprogramm gewährleistet ist. Wie auch immer”, sagte sie der “Rheinischen Post”.

“Wie auch immer” - ob das wirklich ein taugliches Konzept ist? Schreiben Sie uns gerne, was Sie davon halten. Und wie Sie das kommende Schuljahr sehen: Sie erreichen uns unter kleinepause@newsletter.spiegel.de.  

2. Wie digital darf´s denn sein?

Über die Gefahr, dass der Schulunterricht auf Distanz neue Bildungsverlierer produzieren könnte, haben wir schon gesprochen. Da ist es gut, dass das Landessozialgericht NRW festgestellt hat, dass bedürftige Schüler in der Sozialhilfe ein Anspruch auf ein Tablet für den digitalen Unterricht haben, es gilt als Mehrbedarf.

Die Schule nach Corona könnte dauerhaft auf digital gestütztes Lernen setzen, viel mehr als bisher. Eine gute Entwicklung, sagen viele. Wie sich dieses Mehr an Digitalität schon jetzt im Schulalltag bemerkbar macht, hat Florentine Fritzen in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” beschrieben.

Auch eine Kommission der Friedrich-Ebert-Stiftung hat in der vergangenen Woche nach vorne geschaut und versucht, das kommende Schuljahr zu beschreiben. "Die Planungen des neuen Schuljahres sollten nicht von einer Wiederkehr des gewohnten ‘schulischen Regelbetriebs’ ausgehen", warnen die Autorinnen und Autoren. Einer der Vorschläge der Kommission: Aufs Sitzenbleiben sollten die Länder erst einmal verzichten. Und sie sollten Leihgeräte für alle Schülerinnen und Schüler bereithalten, um den digital gestützten Unterricht dauerhaft fortsetzen zu können.

3. Was sonst noch war

Wo wir schon beim Blick nach vorne sind: Unser Wirtschafts-Kolumnist Henrik Müller hat sich mit der Frage beschäftigt, welche mittel- und langfristigen gesellschaftlichen Folgen die Coronakrise unter anderem für die heutigen Schülerinnen und Schüler haben wird. “Die Schließung von Schulen und Kitas mag epidemiologisch geboten erscheinen”, schreibt er, "doch auf Dauer steigen die Kosten dieser Maßnahmen auf Größenordnungen, die heikle Verteilungsfragen aufwerfen.”  Müllers Blick auf das Bildungssystem (und andere Bereiche des gesellschaftlichen Corona-Lebens) können Sie hier lesen.

Gut zu wissen

Eine deutsche Lehrerin, die von 1997 bis 2014 in Frankreich kontinuierlich an verschiedenen Schulen unterrichtet hatte, hat Anspruch darauf, dass diese Beschäftigungsjahre auch in Deutschland voll anerkannt und dementsprechend angerechnet werden. Das hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden (Aktenzeichen C-710/18).

Die Pädagogin war nach ihrer Rückkehr nach Deutschland vom Land Niedersachsen als Lehrerin eingestellt worden. Die Arbeitsjahre in Frankreich wurden dabei jedoch nur teilweise anerkannt: Von den 17 Jahren sollten sich gerade mal drei als berufliche Vorerfahrung auf die neue Vergütung auswirken. Das Bundesarbeitsgericht hatte den Fall dem EuGH vorgelegt. 

Die Europa-Richter entschieden nun: Würden Berufserfahrungen von Lehrkräften im EU-Ausland nicht auch in Deutschland anerkannt, wäre dies eine unzulässige Beschränkung der Arbeitnehmer-Freizügigkeit in Europa. Die Lehrerin kann jetzt nachträglich die Zahlung jener Differenz von bis zu 870 Euro pro Monat verlangen, die seit ihrer Rückkehr nach Deutschland aufgelaufen ist. 

Die GEW hatte der niedersächsischen Lehrerin im Rahmen eines Rechtsschutzverfahrens einen Anwalt zur Seite gestellt. GEW-Vorstandsmitglied Daniel Merbitz kommentierte die EuGH-Entscheidung: “Jetzt haben wir die absurde Situation, dass Berufserfahrung im EU-Ausland voll anerkannt werden muss, Berufserfahrung in einem anderen Bundesland oder an einer Privatschule dagegen nicht.” Das Urteil sei nämlich nicht bei Arbeitgeberwechseln innerhalb Deutschlands anwendbar. 

Bildungspolitik zum Hören

Im Mai luden das OECD Berlin Centre und die Konrad-Adenauer-Stiftung zu einer Videodebatte. Mit dabei: Andreas Schleicher, der bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Pisa-Studien koordiniert, Karin Prien, CDU-Politikerin und Schulministerin in Schleswig-Holstein, und Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Philologenverbands. 

“Herausforderung digitale Schule” war das Thema, aber es ging natürlich auch um Corona und um die Fortbildung von Lehrkräften, um das Image der Pädagoginnen und Pädagogen und um die finanzielle Ausstattung des deutschen Schulsystems. Hier können Sie den Audio-Mitschnitt der Debatte nachhören.

Ideen, Anregungen, Feedback? Wir freuen uns über Post an kleinepause@newsletter.spiegel.de.