Wann geht es zurück in die Schule?

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Morgen, 
haben Lehrkräfte, Schülerinnen und Schülern sich eigentlich mehr nach dem gestrigen Montag gesehnt oder ihn gefürchtet?

Am 4. Mai begann in vielen Bundesländern die kleinschrittige Wiedereröffnung der Schulen ("Das ist los"). Die Eltern zumindest dürften wohl weitgehend erleichtert sein. Für sie findet die Doppelbelastung aus Kinderbetreuung und Homeoffice, die viele in den Wochen der Coronakrise meistern mussten, langsam ein Ende. Wie erleben Sie den Neustart? Wir freuen uns, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen: kleinepause@newsletter.spiegel.de.  

Die einen freuen sich - bei anderen dominiert Unsicherheit. Wie sollen sich Schülerinnen und Schüler verhalten, wenn Eltern oder Großeltern einer Risikogruppe angehören oder wenn sie selbst dazuzählen? Müssen sie wieder in die Schule? Die Rechtsanwältin Sibylle Schwarz weiß Rat ("Gut zu wissen"). 

Auch in dieser Woche wollen wir wieder Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern, eine Diskussionsplattform bieten. In den vergangenen Tagen haben wir immer wieder Zuschriften von Lehrkräften erhalten, die ihren Berufsstand in den Medien, auch im SPIEGEL, einseitig beschrieben sahen: als digital unerfahren und dem Online-Unterricht nicht gewachsen. Dem möchten wir heute ein paar engagierte Gegenreden entgegenstellen - natürlich anonymisiert ("Debatte der Woche").  

Kommen Sie gut durch diese Woche und vor allem: Bleiben Sie gesund!  

Das Team von "Kleine Pause" wünscht alles Gute 
Silke Fokken, Armin Himmelrath, Miriam Olbrisch

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Das ist los

1. Die große Rückführung 

Der 4. Mai galt in vielen Bundesländern als das magische Datum: Seit diesem Tag bewegen sich die Schulen wieder Richtung Regelbetrieb - inklusive Hygienekonzept und Mindestabstand. Wie das in der Praxis aussieht, hat sich Silke Fokken an einer Grundschule in Hamburg angesehen. Der SPIEGEL wird die Protagonisten von nun an regelmäßig begleiten. Den ersten Text können Sie hier nachlesen. 

2. Kein Kind allein lassen 

In diesen Tagen kehren viele Schülerinnen und Schüler in ihre Klassen zurück und haben dort erstmals seit Wochen wieder Kontakt zu ihren Lehrkräften. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, mahnt deshalb, Pädagogen sollten nun besonders intensiv darauf achten, ob sich das Verhalten der Kinder in der Corona-Zeit verändert habe. Es könnte ein Zeichen dafür sein, dass die Kinder in der Krise möglicherweise familiäre Gewalt erfahren haben oder davon bedroht waren. "Ich weiß, dass alle stark gefordert sind, um den Lehrbetrieb unter widrigen Bedingungen wieder anlaufen zu lassen", sagt Rörig. "Die Mithilfe aller wird jedoch gebraucht, um Kinder zu schützen und ihnen Hilfe zu ermöglichen." Weitere Informationen zum Thema gibt es hier.

3. Kind sein in Zeiten von Corona 

Durch die Coronavirus-Pandemie hat sich der Alltag von Kindern und Familien gewandelt. Krippen und Kindergärten sind voraussichtlich bis zum Ende der Sommerferien nur für die Notbetreuung geöffnet, Spielplätze sind gesperrt und Kontakte zu Großeltern und Freunden kaum möglich. Um zu untersuchen, wie Kinder mit diesen Einschränkungen umgehen und wie sich diese auf ihr Wohlbefinden auswirken, hat das Deutsche Jugendinstitut (DJI) eine Onlinebefragung gestartet. Sie richtet sich zunächst an Eltern von Kindern zwischen 3 und 15 Jahren und wird im Anschluss durch qualitative Interviews mit Kindern im Alter zwischen 7 und 15 Jahren erweitert. Im Fokus der Studie stehen die Sozialbeziehungen von Kindern: Welche Rolle spielen digitale Medien beim Kontakt zu Freunden, Großeltern, aber auch zu anderen Bezugspersonen aus Kita und Schule? Inwiefern kann die Familie fehlende Sozialkontakte kompensieren? Weitere Informationen dazu gibt es hier.

Gut zu wissen

Sibylle Schwarz ist Rechtsanwältin, spezialisiert auf Schul- und Verwaltungsrecht. Vor zwei Wochen hatte sie im SPIEGEL-Interview über rechtliche Fragen von Abitur- und anderen Abschlussprüfungen in Zeiten der Coronakrise gesprochen, danach erreichten uns zahlreiche Anfragen zu rechtlichen Aspekten der Wiederaufnahme des Schulunterrichts. Mehrere Leserinnen und Leser fragten, warum Kinder, die nach einer Covid-19-Erkrankung gesundet sind und Antikörper haben, trotzdem nicht in die Schule gehen dürfen - und was mit jenen Kindern ist, die akut erkrankt sind. Und wie verhält es sich mit Kindern, die Angehörige einer Risikogruppe sind: Müssen auch sie jetzt wieder zum Präsenzunterricht kommen? 

Hier die Antwort der Rechtsanwältin:  

"Schulen treffen Vorkehrungen und ergreifen Maßnahmen, dass sich die Infektion nicht ausbreitet. Es soll vermieden werden, dass sich jemand ansteckt und schlimmstenfalls schwer erkrankt. Der Schule müsste nach einer Erkrankung die Immunität nachgewiesen werden, etwa durch einen Arztbericht. Im Schulalltag einer geöffneten Schule ist allerdings vorstellbar, dass es schnell zu Fehldeutungen kommen könnte, wenn das immune Kind den Mindestabstand nicht hält oder keine Mund-Nasen-Abdeckung trägt. Das Kind könnte als nicht 'gehorsam' oder als 'unsolidarisch' angesehen werden. Ob ein Grundschulkind beispielsweise stets seine Immunität erklären kann und möchte, ist fraglich. Wenn ein Kind akut erkrankt ist, sollen die Eltern es bei der Schule krankmelden. Möglicherweise fordert die Schule bei begründeten Zweifeln einen Arztbericht als Nachweis.

Ansonsten ist Schulrecht Landesrecht, und das unterscheidet sich in manchen Punkten von Bundesland zu Bundesland. Im Zweifelsfall sollten Eltern bei der Schule oder der Schulbehörde nachfragen. Das NRW-Schulgesetz formuliert etwa schon immer: Sei ein Kind 'aus anderen nicht vorhersehbaren Gründen verhindert, die Schule zu besuchen, so benachrichtigen die Eltern unverzüglich die Schule' - ein Elternteil als Angehöriger einer Risikogruppe könnte hierunter gefasst werden. In neueren hessischen Corona-Verordnungen wird die aktuelle Situation präzisiert: Vom Schulbetrieb ist freigestellt, wer bei einer Infektion mit dem Virus dem Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs ausgesetzt wäre oder wer mit Angehörigen einer Risikogruppe in einem Hausstand lebt.  

Eltern oder Alleinerziehende müssen in Kontakt mit der Schule treten. Die Schule kann von sich aus nicht wissen, wie krank oder gefährdet das Kind selbst oder sein Angehöriger ist. Arztberichte sollten zwar zum Nachweis vorgelegt werden. Aber: Der Schule muss der Grund für die Krankmeldung nicht bis ins Detail nachgewiesen werden." 

Debatte der Woche

Wie läufts? 

Wie klappt es mit dem Lernen in Corona-Zeiten aus Sicht der Lehrkräfte? Die folgenden Beiträge stammen nicht aus der Redaktion, sondern von Ihnen, den Leserinnen und Lesern. Sie wurden gekürzt. 

"Diese Schulen und deren Lehrer leisten hervorragende Arbeit, da sie den Kindern elementare Dinge vermitteln. Ich will nur daran erinnern, dass gerade in Grundschulen der Grundstein für eine erfolgreiche Bildungskarriere gelegt wird. Viele Eltern erfahren gerade leidvoll im 'Homeschooling', dass Grundschule  nicht einfach nur aus ein wenig '1 + 1' und 'Bilder anmalen' besteht, wie gerne mal flapsig behauptet wird. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln. Auch sollten wir uns stets die Frage stellen, in welcher Schulart sich am häufigsten Kinder aus bildungsnahen und bildungsfernen Familien begegnen. Sicherlich nicht auf dem Gymnasium."
Lehrer, Baden-Württemberg 

"Ich kann den Frust vieler Eltern verstehen, die nun neben dem Bangen um die eigene Sicherheit auch noch vieles auffangen müssen, was sonst die Lehrkräfte stemmen. Aber wie das mit Klischees so ist: Ich erkenne mich - und mein Kollegium – darin nicht wieder. An meiner Schule (und ganz sicher an zahlreichen anderen) hat sich ab dem ersten Tag eine ungeheure Energie entfaltet, um den Unterricht weiterzuführen und den Schülerinnen und Schülern Halt und Hilfe zu bieten: Auch sonst nicht so technikaffine Lehrkräfte haben sich in Plattformen wie Teams eingearbeitet, digitales Feedback eingeholt und ihren Unterricht für diese Medien generalüberholt. Und es läuft richtig gut!"
Lehrer an einem Gymnasium in Bayern 

"Ich arbeite während Corona deutlich mehr. Alle Hausaufgaben müssen kontrolliert, korrigiert und für eine Note analysiert werden. In meinem Fall Englisch. Wenn ich für jede Korrektur nur fünf Minuten bräuchte, wäre ich superflott, real sind eher 10-15, ein vernünftiges Feedback gehört schließlich auch dazu. Bei 28 Schülern pro Klasse. Dreimal die Woche. Nun habe ich leider nicht nur eine einzige Klasse, sondern ein volles Deputat mit 25 Wochenstunden. Heute habe ich allein für die Korrektur der Frage-Antwort-Konstruktionen der 7er vier Stunden gebraucht. Ohne die Planung der nächsten Stunde, Aufgabenerstellung und Lösungshorizont."
Lehrer, ohne Ortsangabe 

"In meinen letzten Schuljahren bekamen die Klassenräume Whiteboards. Gezielte und gründliche Ausbildung daran für das Kollegium: Fehlanzeige. Man musste einen Kollegen, der sich auskannte, anbetteln, dass er nach der 6. Stunde noch dablieb, um wenigstens die Grundzüge der Handhabung zu erklären. Den Rest mussten freundliche und hilfsbereite Schülerinnen und Schüler erledigen, die mir Tipps und Anregungen gaben. Deren mediengestützte Präsentationen waren oft weit besser als alles, was ich für den Unterricht mühevoll zusammenstückelte, um ein wenig mithalten zu können. Deshalb bin ich sehr froh, in dieser Krise nicht mehr unterrichten zu müssen. Das Know-how hat ein Digital Native, aber nicht selbstverständlich jemand, der aus der Kreidezeit kommt. Lehrerbashing ist hier der falsche Weg. Das Bildungssystem darf in Frage gestellt werden."
Lehrerin, seit drei Jahren pensioniert 

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Unterrichten in den vergangenen Wochen gemacht? Schreiben Sie uns an bildung@spiegel.de.