Zittern vor der Ministerpräsidentenkonferenz

Die Virologin Melanie Brinkmann hat im SPIEGEL-Interview ziemlich klare Worte gefunden. »Dieses Larifari des ›Hier ein bisschen Homeoffice, dort ein improvisiertes Hygienekonzept‹, das muss aufhören«, sagt die Virologin – jedenfalls dann, wenn wir irgendwann auf absehbare Zeit wieder in einen halbwegs normalen Alltag kommen wollen.

Mit Larifari könnte man durchaus auch die Corona-Schulstrategien in den Ländern an der einen oder anderen Stelle bezeichnen. Am Mittwoch werden wir erfahren, wie es weitergeht, zumindest in den kommenden Wochen. Die Schulen sollen, das haben wir oft genug gehört, bevorzugt wieder geöffnet werden – wenn es denn überhaupt zu Lockerungen der Corona-Maßnahmen kommt. Unabhängig davon wird schon (oder immer noch) heftig debattiert: Auf? Zu? Mit Wechselmodell? (»Das ist los«).

Gute Nachrichten für Lehrkräfte gibt’s unterdessen von ihrer wichtigsten Klientel, den Schülerinnen und Schülern. Die haben bei einer Umfrage die Leistungen ihrer Lehrerinnen und Lehrer in der Pandemie bewertet – und kommen zu besseren Urteilen als ihre Eltern (»Gut zu wissen«).

Auf die Schulen in der aktuellen Situation schauen wir aber auch noch einmal aus anderer Perspektive. Mark Daheim ist Lehrer in Nordrhein-Westfalen und stellt fest: »Dass das Lernen auf Distanz nur mit unterschiedlicher Güte passiert, ist nicht zu bezweifeln, hat aber mehrere Gründe. Zu sagen, dass es am fehlenden Engagement der LehrerInnen liege, ist fahrlässig.« (»Debatte der Woche«)

Auch diese »Kleine Pause« ist leider wieder sehr Corona-lastig. Wenn Sie andere Themenideen haben – schreiben Sie uns gerne! Oder kommen Sie heute Abend, 9. Februar, ins »Clubhouse« zu unserem Schul- und Bildungstalk »Dienstag, letzte Stunde«. Ab 21 Uhr reden wir über die Frage, wie benachteiligte Kinder während der Pandemie unterstützt werden können. Was kann konkret unternommen werden, damit sich die Bildungsungleichheit nicht noch weiter verschärft? Wie können Jugendeinrichtungen entgegenwirken? Welche Vorschläge machen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler?

Feedback & Anregungen?

Das Team von »Kleine Pause«

Silke Fokken, Kristin Haug und Armin Himmelrath

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Das ist los

1. Schuldebatten

Vom SPIEGEL-Interview mit der Virologin Melanie Brinkmann hatten wir oben schon berichtet. Sie sagt darin unter anderem: »Kurzfristig müssen wir die Schulen geschlossen halten, sonst kriegen wir sie wegen der ansteckenderen Varianten sehr, sehr lange nicht mehr richtig geöffnet.« Das klingt überhaupt nicht gut, und so ist es kein Wunder, dass die Debatte über die richtige Öffnungs- oder Schließungs-Strategie gerade so richtig hochkocht. Die Gegenmeinung wird unter anderem von Manuela Schwesig vertreten, Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern. Sie sagt: »Auch bei einer Inzidenz von über 50 sollte Unterricht ermöglicht werden.« Das ganze Interview mit ihr können Sie hier nachlesen.

Jetzt können sich die Kultusministerien natürlich nicht ewig hinter der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz verstecken. Lange genug hat’s ja gedauert, aber zumindest ansatzweise werden mittlerweile konkretere Pläne bekannt, wie denn mit den Schulen in den kommenden Monaten umgegangen werden soll. Da gibt’s

  • die Fraktion der radikalen Öffner(innen), unter anderem in Baden-Württemberg beheimatet, wo Selbsttests für alle den Präsenzunterricht wieder möglich machen sollen;

  • die Gruppe derjenigen, die – wie in Hamburg – voll auf Pragmatismus setzen und beispielsweise kleinteilige und sehr konkrete Schritte für Abiturientinnen und Abiturienten ankündigen;

  • schließlich noch diejenigen, die sich eher als Langfrist-Strategen geben, den Föderalismus grundsätzlich neu strukturieren wollen und ganz klammheimlich vielleicht froh sind, dass sie in diesen Zeiten gerade keine bildungspolitische Verantwortung tragen, weil das Freiräume schafft für weitergehende Vorschläge – wie Katja Suding von der FDP.

2. Gerätedebatten

Und? Haben Sie schon einen? Warten Sie noch? Oder haben Sie die Hoffnung auf ein dienstliches Endgerät längst aufgegeben? In Baden-Württemberg tauchte in den vergangenen Tagen eine Frage auf, die durchaus bundesweite Bedeutung hat: Haben die Ministerien in Bund und Ländern richtig gerechnet, als es um die benötigten Lehrer-Laptops ging? Oder haben Sie die große Zahl der Teilzeit-Beschäftigten übersehen, sodass sich jetzt mehrere Kolleginnen und Kollegen mit reduziertem Stundendeputat ein gemeinsames Dienstgerät teilen müssen?

Diese Befürchtung hegt jedenfalls der Verband Bildung und Erziehung. Das Kultusministerium dementiert, das sei alles Blödsinn – und im Übrigen sei die gemeinsame Nutzung von Geräten durch mehrere Lehrkräfte durchaus denkbar. Die ganze Geschichte finden Sie hier.

Und wo wir gerade schon bei der Technik sind: Die gehäuften Berichte über virtuelle Klassensitzungen, die von Außenstehenden gekapert werden, haben uns veranlasst, dieses Thema mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Kolleginnen sind bei der Recherche auf viele beunruhigende Fälle gestoßen – und auf sehr konkrete Tipps, wie man sich als Lehrerin oder Lehrer gegen solche unerwünschten Besucherinnen und Besucher im virtuellen Klassenzimmer wehren kann.

3. Und sonst noch?

In der »Süddeutschen Zeitung« gab es vor ein paar Tagen den wirklich lesenswerten Bericht eines Abgehängten: Ein Förderschullehrer hat protokolliert, welche Rolle seine Schulform und vor allem seine Schülerinnen und Schüler bei den aktuellen Diskussionen spielen. Spoiler: so gut wie keine, lautet sein bitteres Fazit. Zum Text bitte hier entlang.

Sollten Sie übereifrige Schülerinnen und Schüler haben (oder deren Eltern), die darauf beharren, dass jede! einzelne! Stunde! im Distanzunterricht per Videochat erteilt werden muss (weil sie sonst aber sowas von schnell zum Anwalt eilen), dann könnte das hier für Sie interessant sein: Kinder und Jugendliche können nicht verlangen, dass alle Stunden auf dem Stundenplan beim Fernlernen eins zu eins per Videounterricht gegeben werden. Das hat das Verwaltungsgericht Regensburg entschieden.

Debatte der Woche

Mark Daheim ist Lehrer an einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Weil er der Meinung ist, dass die Schulfrage in der öffentlichen Debatte aus einer völlig unzureichenden Perspektive behandelt wird, hat er uns einen langen Leserbrief geschrieben. Seine wichtigsten Thesen lesen Sie hier:

Die Schulen versagen in der Corona-Zeit?

So lautet der Tenor in der deutschen Presse, mitunter auch beim SPIEGEL. Die Schulen seien seit einem Jahr nicht besser geworden im Umgang mit den Möglichkeiten zum Lernen auf Distanz. Es würden falsche Zettel zum Ausfüllen an die falschen Klassen und Lerngruppen geschickt. Besonders in bildungsfernen Familien fielen die Kinder noch deutlicher zurück, als sie eh schon zurücklagen.

Dass das Lernen auf Distanz nur mit unterschiedlicher Güte passiert, ist nicht zu bezweifeln, hat aber mehrere Gründe. Zu sagen, dass es am fehlenden Engagement der LehrerInnen liege, ist fahrlässig. Denn es gibt viele Gründe, etwa: die Technik. Viele Kinder haben keine Endgeräte, sondern nur ihr geliebtes Handy, mit dem man aber leider keine längeren Texte verfassen kann. Die Digitalisierung unserer Schulen ist eine verschlafene Aufgabe, die durch Corona nur umso offensichtlicher geworden ist. Die meisten meiner KollegInnen nutzen die Möglichkeiten des Online-Unterrichtes umfangreich aus, um ihren Lernenden trotz offenkundig absurder Umstände Bildung und Zukunft zu ermöglichen.

Im Kern liegt unser angeblich ausschließliches Corona-Problem darin, dass unser »Lehrschiff Schule« überhaupt nur so knapp über Wasser läuft, dass schon geringer Wellengang für Wassereinbruch sorgt. Die Corona-Zeit stellt genau so einen Wellengang dar. Unsere Lehrer-Aufgaben in der schulischen Ausbildung besteht aus der Vermittlung von Wissen und pädagogischen Maßnahmen zur Unterrichtsführung. Wir trichtern Kindern »Wissen« ein, mit dem sie tatsächlich in der Praxis weder etwas anzufangen wissen, noch welches sie länger als bis zur Abgabe der dazugehörigen Klassenarbeit in Erinnerung behalten. Wir führen Klassenregeln ein, die ein geordnetes Beisammensitzen und die Kontrollierbarkeit gemäß unserer Aufsichtspflicht ermöglichen.

Überhaupt ist Anpassung in unserem Schulsystem das oberste Gebot. Die Kinder folgen diesem Konzept, weil die Eltern kein Klagen hören wollen, weil der Kanon disziplinarischer Konsequenzen der Schule instanzenweit ausgearbeitet und überlegen ist und weil man als Schüler nicht aus der Lerngruppe ausgeschlossen werden will, die den größten Teil des Tages die Haupt-Peergroup der einzelnen Kinder darstellt. Es soll halt nur irgendwie ein Schulabschluss dabei herauskommen. Eine solche Struktur lässt sich eben auch nicht anders handhaben als mit Mechanismen der Disziplin, Ordnung, Kontrolle und Maßnahmen.

Die Corona-Situation führt nun zum Wassereinbruch in unser »Lehrschiff Schule«. Prüfungserleichterungen machen die Auswirkungen dann eben erst später sichtbar. Schulmüdigkeit gab es schon vorher. Totale Verweigerung der Kinder – wir reden hier im 6. Jahrgang von bis zu 30 Prozent versagter Teilnahme am Fernunterricht – kann bei Distanz zwischen den Kindern und LehrerInnen nicht bloß durch die Lehrkräfte aufgefangen werden. Da helfen alleine weder Bling-Bling-Präsentationen oder Prüfungserleichterungen noch automatisierte Selbstausfüller-PDFs. Wir haben ein ganz anderes Problem: Wenn Kinder und Jugendliche ausschließlich auf Anweisung von LehrerInnen und Eltern mühsam versuchen, das Allerschlimmste zu vermeiden – also Zeugnisnoten, für die man Ärger bekommt, oder Klassenwechsel oder Schulwechsel oder andere böse Konsequenzen – dann nennt man diese Art der Motivation »extrinsisch-negativ«.

Mit einer anderen Form von Motivation als Grundansatz, der intrinsischen nämlich, wäre das Corona-Versagen von Schule überhaupt nicht so groß geworden. Die Pandemie hätte dem Bildungssystem niemals so schwer zu schaffen machen können, wenn Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Selbständigkeit von Anfang an als Grundkompetenzen in der schulischen Ausbildung in den Fokus genommen worden wären.

Wie das gehen kann? Wir müssen unser gesamtes schulisches Ausbildungskonzept neu aufbauen, damit am Ende Schülerinnen und Schüler die Schule verlassen, die im Wesentlichen über Empathiefähigkeit und Sachverstand verfügen. Und um das zu erreichen, müssen wir aus Schulfächern »angewandte Schulfächer« machen, fächerübergreifende und längerfristige Gestaltungs- und Forschungsprojekte realisieren – und gleichwohl altersübergreifende Lernstrukturen ermöglichen. Schule soll so interessant werden, dass die Kinder aus intrinsischer positiver Motivation zur Schule gehen und nicht bloß, weil sie müssen...

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