Umsonst und draußen

Bald könnten so gut wie alle Schulen wegen steigender Inzidenzwerte schließen. Jugendämter rechnen mit doppelt so vielen Schulabbrechern. Und »Querdenker« wanzen sich an Richter ran. Wird jetzt alles nur noch schlimmer?

Die Bundesregierung will in Landkreisen und kreisfreien Städten ab einer Inzidenz von 165 die Schulen schließen. Alle Schülerinnen und Schüler würden dann also in den Distanzunterricht gehen, mal wieder. Bildungsverbände, Virologen und Politiker kritisierten die Maßnahmen als viel zu schwach, die Schulen müssten eher geschlossen werden. »Um eine Ausbreitung des Virus in den Schulen wirksam zu stoppen, muss der Präsenzunterricht bereits ab einer Inzidenz von 100 beendet werden«, forderte der Präsident des deutschen Lehrerverbands Heinz-Peter Meidinger.

In Mecklenburg-Vorpommern ist es schon so weit, die Schulen sind seit Montag dicht. Als Alternative schlagen Politiker jetzt vor, den Unterricht einfach nach draußen zu verlegen. Derweil warnen die Jugendämter schon vor den Folgen der Coronakrise und vermuten, dass sich die Zahl der Schulabbrecher verdoppeln könnte. (»Das ist los«)

Nachdenklich macht auch eine Meldung aus dem Norden: Immer mehr junge Menschen haben offenbar mit Long Covid zu kämpfen. In einer Klinik in Heiligendamm häufen sich laut der Chefärztin Jördis Frommhold die Anfragen nach Reha-Angeboten für Kinder und Jugendliche, die an Corona erkrankt waren und einfach nicht wieder fit werden. (»Gut zu wissen«).

Einen Gedankenanstoß liefert Tim Engartner: Der Sozialwissenschaftler aus Frankfurt am Main fordert unter anderem eine »Unterrichtsgarantie« (»Debatte der Woche«).

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Das Team von »Kleine Pause«

Silke Fokken, Kristin Haug, Armin Himmelrath und Miriam Olbrisch

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Das ist los

1. Massen gegen Masken

»Querdenker« und Coronaleugner fahren eine mutmaßlich koordinierte, länderübergreifende juristische Kampagne gegen die Maskenpflicht und andere Schutzmaßnahmen an Schulen. Die rechtliche und die wissenschaftliche Basis der Argumentation ist dabei ziemlich dünn, trotzdem sorgt die Kampagne für erheblichen Wirbel und vor allem für viel Arbeit bei den Amtsgerichten. So meldete etwa das Amtsgericht Hannover Ende vergangener Woche mehr als 100 meist identische Schreiben und Anträge.

Ein SPIEGEL-Team hat die Strategien und die Akteure dahinter entschlüsselt. Den Artikel »Die Querkläger«, die auch auf Coronaleugner-Sympathisanten in der Justiz eingeht, können Sie hier lesen. Vielleicht hilft vorher ein beruhigender Hinweis: So, wie es aussieht, wirken sich die Anträge nur in Ausnahmefällen auf den Schulalltag aus.

2. Schule ohne Abschluss

Die ersten Auswirkungen auf die Zukunft Tausender Schülerinnen und Schüler zeichnen sich ab. Nach monatelangem Unterrichtsausfall, Wechsel- und Distanzunterricht rechnen die Jugendämter in Deutschland damit, dass immer mehr Jugendliche die Schulen ohne Abschluss verlassen könnten. Die Zahl von 104.000 Schulabgängern pro Jahr könnte sich auf 210.000 erhöhen.

Die Jugendämter gehen davon aus, dass sich vor allem die Situation sozial benachteiligter Kinder verschlechtern wird. Aber auch Kinder aus der Mittelschicht würden einen »frühen Karriereknick« erleben, sagt Lorenz Bahr, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, der Funke Mediengruppe.

3. Umsonst und draußen

Als Alternative zum Unterricht im Klassenraum schlagen mehrere Politiker vor, das Lernen nach draußen zu verlegen. »Unterricht im Freien« sei zu durchdenken »bevor Schulen geschlossen werden«, sagte der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Marcus Weinberg, der »Bild«. Den Unterricht im Freien befürworteten auch die stellvertretende FDP-Vorsitzende Katja Suding, die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Bärbel Bas und der Grünenabgeordnete Janosch Dahmen.

Der deutsche Lehrerverband allerdings sieht diesen Vorschlag kritisch: »Wer tatsächlich meint, man könne Schulen auch bei hohen Inzidenzen weiter offen halten, indem man den Unterricht ins Freie verlagert, hat vom Schulbetrieb und seinen Rahmenbedingungen und organisatorischen Herausforderungen wenig Ahnung, um nicht zu sagen, keinen blassen Dunst«, sagte Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger. Die meisten Pausenhöfe böten bei den geltenden Abstandsregeln höchstens Platz für ein Drittel der Schüler. Bei Aprilwetter müssten Hunderte Stühle und Tische rein- und rausgetragen werden.

Und sonst noch?

Ein Gymnasium in Mönchengladbach ruft die Polizei, weil ein Schüler sich geweigert hat, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen und einen Corona-Schnelltest zu machen.

In Niedersachsen haben die Abiturprüfungen begonnen, Abiturienten müssen sich in dieser Zeit nicht testen lassen, Lehrkräfte hingegen schon. Weigern sie sich, drohen ihnen Disziplinarmaßnahmen.

In Rheinland-Pfalz wehren sich Lehrer dagegen, Schüler beim Testen zu beaufsichtigen, weil sie um ihre Gesundheit fürchten.

Ein Arzt des Impfzentrums in Neuss bestellte Lehrer zum Impfen ein, offenbar weil Vakzinen zu verfallen drohten. Eigentlich waren die Lehrer noch nicht an der Reihe. Nun muss der Arzt sich rechtfertigen.

In Sachsen wiederum sollen sich alle Lehrkräfte impfen lassen können. Ab sofort können sich alle Lehrerinnen und Lehrer zum Impfen anmelden.

Gut zu wissen

In der Median-Klinik in Heiligendamm, auf die Behandlung von sogenannten Long-Covid-Erkrankungen spezialisiert, werden die Patienten immer jünger. Es würden mehr und mehr 20- bis 30-Jährige aufgenommen, im vergangenen Monat sogar zwei 18-Jährige, sagte Chefärztin Jördis Frommhold. Die Anfragen nach Reha-Angeboten für pädiatrische Patienten häuften sich. Die Klinik stehe auch bereit, Jugendliche ab 14 Jahren in Begleitung eines Erziehungsberechtigten aufzunehmen.

Debatte der Woche

Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, sorgt sich darum, welche Auswirkungen die Krise hat. Und er erhebt drei weitreichende Forderungen.

1. Die Schule muss für Kinder dauerhaft zu einem Haus des Lernens und Lebens werden. Dazu müssen sie während der Schulferien von pädagogischem Fachpersonal betreut werden (können), und zwar bestenfalls von Lehrkräften, die auch während der unterrichtsfreien Zeit in der Schule sind. Wenn Lehrkräfte nur noch den für Arbeitnehmer üblichen Urlaubsanspruch von 30 Tagen genießen, ist dies problemlos zu organisieren. Dieses Angebot entlastet nicht nur die Eltern, bei denen die langen Schulferien regelmäßig Betreuungsprobleme verursachen. Zugleich bietet die Verzahnung von Unterrichts- und Freizeitangeboten die Möglichkeit, nachhaltig pädagogisch auf Kinder einzuwirken, vor allem auf diejenigen aus sozial benachteiligten Elternhäusern.

2. Eltern brauchen eine Unterrichtsgarantie für ihre Kinder. Derzeit fällt mancherorts jede zehnte Unterrichtsstunde aus. Dabei ist der Unterrichtsausfall auch dem hohen Krankenstand in den Lehrerkollegien geschuldet. Mit – je nach Bundesland – bis zu 39 Tagen pro Jahr ist der Krankenstand von Lehrkräften höher als in jedem anderen akademischen Beruf. Das muss sich ändern – eventuell, indem der Beamtenstatus nicht mehr als Automatismus greift.

3. Es müssen deutlich mehr Lehrkräfte, Förderpädagogen und Psychologinnen eingestellt werden. Nur so können die Bildungsdefizite, die durch die Krise entstanden sind, teilweise ausgeglichen werden. Auch wenn wir langfristig zu erfolgreichen Bildungsnationen wie Estland und Finnland aufschließen wollen, brauchen wir mehr als moderne digitale Infrastruktur. Bildungserfolge hängen maßgeblich an Köpfen.

Termintipp: »Bad News – Von der Falschmeldung zum Chaos«

Die Schwarzkopf-Stiftung hat mit Projektpartnern einen Kurs mit dem Titel »Under Pressure!« entwickelt, der zum Projekt »Peer-Education and Gamification against Polarisation« gehört. Der Kurs soll Schülerinnen und Schüler helfen, Fehlinformationen, Fake News und Verschwörungstheorien zu erkennen und konstruktiv und kritisch auf Nachrichten zu reagieren.

Der Workshop enthält interaktive Elemente zu Algorithmen und Medienethik sowie das Herzstück des neuen Kursformats, das »Under Pressure!«-Spiel – ein Multiplayerspiel, bei dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschiedliche Techniken dazu kennenlernen, wie Fake News verbreitet werden. Der zweistündige digitale Workshop wird am 29. April von 10 bis 12 Uhr durch junge Peer-Trainerinnen und -Trainer des Bildungsnetzwerks »Understanding Europe« mit jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern durchgeführt. Um 13 Uhr findet ein einstündiges Impuls- und Diskussionsforum mit Armin Himmelrath (aus dem Bildungsteam des SPIEGEL) und Uschi Jonas (CORRECTIV.Faktencheck) statt.

Datum: 29.04.2021
Uhrzeit: 10:00 – 12:00 Uhr (Workshop), 13:00 – 14:00 Uhr (Impuls- und Diskussionsforum)
Zielgruppe: Junge Menschen zw. 16 und 27 Jahren
Veranstaltungstyp: Online (zoom)
Teilnehmerzahl: 30
Anmeldung nur zu beiden Programmelementen möglich unter: info@understanding-europe.org
Mehr Infos: https://schwarzkopf-stiftung.de/events/bad-news-von-der-falschmeldung-zum-chaos/

Die gute Nachricht zum Schluss

Im südspanischen Murcia dürfen Schülerinnen und Schüler bereits draußen lernen, und zwar am Strand. Mit den Füßen im Sand und einer frischen Meeresbrise im Gesicht macht der Unterricht vermutlich viel mehr Spaß als im Klassenzimmer.

Ideen, Anregungen, Feedback? Wir freuen uns über Post an kleinepause@newsletter.spiegel.de

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