Hurra, hurra, die Schule ist (nicht) offen

Großes Wiedersehen diese Woche in den Grundschulen: In vielen Bundesländern dürfen die Jüngsten seit Montag in den Wechselunterricht, die Klassen 5,6, 7 und 8 hingegen bleiben erst mal zu Hause. Haben sie nun Glück oder Pech?

In dieser Frage könnten die Meinungen kaum weiter auseinandergehen. Die Debatte, ob, wann und unter welchen Bedingungen die Schulen in Deutschland wieder geöffnet werden sollen, wird immer kompromissloser geführt (falls das überhaupt möglich ist). Mancherorts weigern sich Lokalpolitiker mit Blick auf hohe Inzidenzzahlen, Schulen zu öffnen – trotz gegenteiliger Ansage von oben. Manche Fachleute hingegen sprechen bei Schulschließungen auch mit Blick auf die Historie von einem »Verbrechen am Kind«. (»Das ist los«)

Derweil geht der Distanzunterricht für viele Schülerinnen und Schüler erst mal weiter. Fast ein Jahr nach den ersten Schulschließungen sind einige Schulen darauf immerhin besser vorbereitet, als manche Lehrkraft je zu hoffen gewagt hätte. An anderen Schulen hingegen fehlt es immer noch an der simpelsten technischen Ausstattung. Kein Wunder, wie ein Blick auf die aktuellen Zahlen zum Digitalpakt zeigt. (»Das ist los«)

Wie sollen junge Menschen unter diesen Bedingungen den Beruf als Lehrer oder Lehrerin erlernen? Christopher Kohl ist seit rund einem Dreivierteljahr Referendar an einem Gymnasium in Köln und hat gerade einmal vier Monate Präsenzunterricht erlebt. Bei uns gewährt er Einblick in seine Ausbildung – und in die Gedanken, mit denen er sich über all das hinwegtröstet, was gerade anders läuft als geplant. (»Debatte der Woche«)

Viel Corona, viel Ärger – davon ist auch diese »Kleine Pause« geprägt. Aber wir haben auch eine neue Idee für Sie. Wenn Sie hören wollen, wie Schülerinnen und Schüler über Corona und Schule denken, kommen Sie gern heute Abend, 23. Februar, ins Clubhouse zu unserem Schul- und Bildungstalk »Dienstag, letzte Stunde«. Ab 21 Uhr wollen wir über Abiprüfungen reden.

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Das Team von »Kleine Pause«

Silke Fokken, Kristin Haug und Armin Himmelrath

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Das ist los

1. Wiedersehen und »Wahnsinn«

Ob Deutschlands Schülerinnen und Schüler wieder in die Schule gehen dürfen oder nicht, lässt sich nur mit »Kommt darauf an« beantworten. Es hängt stark vom Wohnort, vom Bundesland und vom Alter ab. Hamburg und Sachsen-Anhalt etwa warten noch, die meisten anderen Bundesländer haben ihre Schulen für bestimmte Jahrgänge am Montag wieder geöffnet, darunter Rheinland-Pfalz. Der Bürgermeister von Bad Ems, Oliver Krügel, schert jedoch aus. Er lässt seine Grundschulen geschlossen.

Krügel verweist auf eine Inzidenz von über 170 in der Verbandsgemeinde, zudem breiteten sich die Virusmutanten immer stärker aus. Dem SPIEGEL sagte der Lokalpolitiker, für das krampfhafte Festhalten am Präsenzunterricht fehle ihm jedes Verständnis. »Das ist so, wie bei dichtem Nebel mit 150 Sachen über die Autobahn zu rasen. Und dann noch mal zu beschleunigen, wenn die Sichtweite unter 50 Meter fällt.« Was er Kritikern entgegenhält, erfahren Sie hier.

Der Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth dagegen warnt mit Blick auf die teils weiter andauernden Schulschließungen in Deutschland, die Folgen seien »noch nicht vollständig absehbar, aber zweifelsohne gravierend«. Tenorth erinnert in einem interessanten Interview der Kollegin Katja Iken daran, was in der Pandemie teils in Vergessenheit zu geraten schien: dass in Deutschland eine Schulpflicht gilt und dass dies eine Errungenschaft ist. Wieso der Forscher die aktuelle Aushebelung dieser Schulpflicht historisch für ziemlich beispiellos hält, lesen Sie hier.

Vor welchen Herausforderungen nun aber Lehrkräfte stehen, die gleichzeitig Kinder abwechselnd in Kleingruppen unterrichten, weitere Schüler auf Distanz beschulen und noch eine Notbetreuung in der Schule organisieren sollen, beschreibt Kathrin Aldenhoff in der »Süddeutschen Zeitung«. Eine bayerische Schulleiterin fasst es in diesem Satz zusammen: »Organisatorisch und planerisch ist das der völlige Wahnsinn.«

Hätten sich die Schulöffnungen in Deutschland nicht viel besser regeln lassen, etwa mit einem klügeren politischen Krisenmanagement? Der »taz«-Kollege Ralf Pauli moniert in einem lesenswerten Kommentar, dass sich die Kultusminister nicht längst auf verpflichtende, regelmäßige Schnelltests für Schülerinnen und Schülerinnen verständigt haben. Auch wir haben unserem Ärger über das schulpolitische Versagen in der Pandemie Luft gemacht.

2. Misere und Milliarden

Ach ja, sagte neulich ein Schulleiter am Ende eines Telefonats, »falls Sie noch weitere Fragen haben, nutzen Sie lieber meine Mobilnummer«, die Telefonanlage der Schule falle öfter aus. »Wir können manchmal stundenlang keine Anrufe empfangen.« Und E-Mails mit Anhang kämen auch nicht immer durch, weil der Schulserver öfter abstürze. Also bitte lieber an die private Mailadresse schreiben.

Das Gespräch ließ uns dann doch etwas kopfschüttelnd zurück, auch wenn wir natürlich wissen, dass es bei mancher deutschen Schule an der technischen Ausstattung hapert. Kollege Christian Stöcker hat die Misere um überlastete Lernplattformen im Distanzunterricht und Videokonferenzen, aus denen Schüler ungewollt rausfliegen, treffend in einer Kolumne zusammengefasst: »In ganz Deutschland passieren an jedem Werktag Dinge, die für Eltern und Schüler jetzt normal sind, für normale Büroangestellte aber kaum vorstellbar.«

Deutschland hat die Digitalisierung der Schulen über Jahre verschleppt. Der milliardenschwere Digitalpakt, der 2019 in Kraft trat und in der Pandemie noch dreimal aufgestockt wurde, soll zwar Abhilfe schaffen. Aber wie gut klappt das?

Anfangs wurden die Mittel noch sehr spärlich abgerufen, in der Coronakrise kam nun zumindest ein wenig mehr Bewegung in die Sache, wie aktuelle Zahlen der Bildungsministerien belegen. Aus dem mittlerweile auf rund sieben Milliarden Euro angewachsenen Digitalpakt sind demnach bis zum Ende des vergangenen Jahres 1,363 Milliarden Euro abgeflossen oder bewilligt worden. Der größte Teil der Gelder ist also immer noch im Topf. Selbst von den 500 Millionen Euro für Leihlaptops für Schüler wurden erst 376 Millionen abgerufen. Den kompletten Überblick finden Sie hier.

3. Was sonst noch war?

Sie würden das Unterrichten den Eltern überlassen, Stichwort Homeschooling, und selbst faul auf der Couch liegen. Sie seien unengagiert und digitale Analphabeten: Der Ruf der Lehrerinnen und Lehrer war im Zuge der Schulschließungen nicht immer der beste. Wie ungerecht das ist, beschreibt Klaus Raab in einem bemerkenswerten Text in der »Zeit«.

»Wer das Feindbild pflegt, hat keine Ahnung. Es ist höchste Zeit, Danke zu sagen«, findet Raab und listet auf, was viele Lehrerinnen und Lehrer in den vergangenen Monaten geleistet haben, oft weitgehend unbemerkt. Wer selbst in der Schule arbeitet und Wertschätzung vermisst, also bitte hier entlang. Und wer gern und oft auf Lehrerinnen und Lehrer schimpft, bitte auch.

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Debatte der Woche

Christopher Kohler macht gerade sein Referendariat an einem Gymnasium in Köln und gewährt einen eindrucksvollen Einblick, wie die Lehrerausbildung in Pandemiezeiten laufen kann. Tenor: mehr Fatalismus als Vorfreude aufs Lehrerdasein. Lesen Sie hier seinen Praxisbericht:

Tastatur statt Kreide, Ruhe statt Lärm, WLAN statt Schulweg – so verkürzt, klingt die Schule der Gegenwart wie eine Utopie mancher Digital- und Bildungspolitiker. Doch leider liegen Utopie und Illusion nah beieinander. Die Pandemie enttarnt grundsätzliche Schwächen des deutschen Bildungssystems. Schülerinnen und Schüler erfahren das gerade am stärksten.

Von Utopie spüren wir, die Referendare, gerade aber auch nichts.

Eigentlich soll das Referendariat neben dem Stress auch schöne Erlebnisse bieten – doch die sind gerade die Ausnahme. Klassenfahrten, Arbeitsgemeinschaften und Projektwochen lernen wir nicht kennen, das Unterrichten, auf das wir uns besonders freuten, leidet seit Dezember auch.

Mein Ausbildungsjahrgang, der im Mai 2020 begonnen hat, kommt bislang auf knapp vier Monate Präsenzunterricht. Auf das »Lernen am Modell«, das wir in unseren Unterrichtsfächern einbinden sollen, können wir nicht zurückgreifen. Denn für guten Ausbildungsunterricht fehlen die Modelle. Schließlich weiß bisher niemand, was »guten Distanzunterricht« kennzeichnet – dazu fehlt es an Erfahrung und Forschung.

Natürlich lernen wir trotzdem eine Menge dazu. Natürlich gewinnen wir an Erfahrung und bauen Kompetenzen auf. Optimisten, zu denen manche meiner Ausbilder zählen, prognostizieren sogar Vorteile für unseren Jahrgang: weil wir uns auf den Kern des Unterrichtsgeschehens fokussieren müssen, weil wir gerade mit fachlicher Betreuung eine neue Welt entdecken und weil wir uns nicht im Methodenkarussell verlieren können. Zumal ich zu den Glücklichen gehöre, denen eine tolle Schule und hervorragende Ausbilder zugewiesen wurden. Und ich weiß, dass die Verhältnisse am Gymnasium weniger komplex sind.

Ich weiß aber auch, was von Schule zu Schule und von Ausbilder zu Ausbilder variiert: technische Möglichkeiten, Engagement, Zusammenhalt, Unterstützung. Wer bei diesen X-Faktoren Pech hat, dessen Ausbildung leidet gerade stark.

Die Pandemie erschwert nicht nur die Beurteilung der Schüler, sondern auch die der Referendare. Möglicherweise sind unsere Abschlussprüfungen nach den Sommerferien die ersten »normalen« Unterrichtsstunden, die wir zeigen können. Je nach Bundesland und Inzidenz könnte es aber auch schon im März so weit sein.

In zwei Dingen macht uns daher niemand etwas vor: flexibel reagieren und improvisieren. Zumindest darin werden wir exzellent sein.

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