Große Pläne, große Krise

Die künftige Bundesregierung verspricht Umbrüche in der Bildungspolitik. Werden den Worten Taten folgen? Derweil spitzt sich die Coronakrise weiter zu.

Die Ampel hat es geschafft, Corona zu verdrängen – zumindest aus ihren Plänen für die Bildungspolitik. Im Koalitionsvertrag der drei künftigen Regierungsparteien kommt das Wort Corona in den Kapiteln zu Bildung und Forschung nur ein einziges Mal vor. Was stattdessen drin steht und woran sich die designierte neue Bildungs- und Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger wird messen lassen müssen, haben wir zusammengefasst und analysiert. (»Das ist los«)

Ansonsten ist Corona natürlich allgegenwärtig. Auch die neue Ministerin sprach sich trotz immer weiter steigender Infektionszahlen gegen Schulschließungen aus. Bei »Bild live« sagte Stark-Watzinger vergangene Woche: »Wir sind dafür, keine Schulschließungen zu machen. Dort, wo wir Regierungsverantwortung tragen als Liberale, tun wir das auch nicht, weil wir glauben, dass die Schülerinnen und Schüler jetzt nicht noch einmal Bildungsrückstände erleiden sollten.«

Das Virus schließt die Schulen im Zweifelsfall allerdings ganz von selbst. Aktuell liege die Zahl der Schulausbrüche »sehr deutlich« über dem Höchstniveau der zweiten Welle, meldete das RKI am Donnerstag in seinem Wochenbericht. Anfang November seien etwa dreimal mehr Ausbrüche pro Woche übermittelt worden als im Vorjahr zu dieser Zeit.

Eine Impfung könnte das Ansteckungsrisiko senken. Doch nur etwa 45 Prozent der 12- bis 17-Jährigen sind geimpft. Und mancherorts gibt es Bestrebungen, dass diese Zahl auch nicht größer wird: Viele Schulen werden zum Kampfgebiet von Impfgegnern. (»Debatte der Woche»)

In München zeigte sich, dass das Testkonzept für sichere Schulen ins Wanken geraten könnte. Eigentlich sollen die Ergebnisse der PCR-Pooltests von Schülerinnen und Schülern dort bis 19 Uhr am selben Tag vorliegen, doch das gelang in mehreren Fällen vergangene Woche nicht. Die Schulleitung einer Grundschule bekam eines Abends nur 4 von 14 Ergebnissen. Auf SPIEGEL-Anfrage bestätigte das Münchner Referat für Bildung und Sport, »dass aufgrund des erhöhten Anstiegs von PCR-Testungen sich die Dauer der Auswertungen teilweise deutlich über die geplante Frist hinaus verzögert hat«. Wenn Infektionsketten aber erst mit mehrtägiger Verspätung erkannt werden, wäre das gesamte Testkonzept hinfällig. Einem betroffenen Vater erscheint die Situation »außer Kontrolle«.

Wie geht es Ihnen als Eltern, Lehrkraft oder Schülerin? Wir freuen uns, wenn Sie uns schreiben, per E-Mail an bildung@spiegel.de. Und wie immer in diesen Zeiten der Wunsch: Bleiben Sie gesund!

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Das ist los

1. Karliczek 2.0?

Die Liberale Bettina Stark-Watzinger soll Bundesforschungsministerin der Ampelkoalition werden. Bei der Personalentscheidung fallen Parallelen zu ihrer Vorgängerin Anja Karliczek (CDU) auf. Droht sich die Geschichte zu wiederholen? Was von einer FDP-Bildungsministerin zu erwarten ist, prognostiziert Miriam Olbrisch hier.

2. Digitalpakt 2.0!

Den Digitalpakt 2.0 soll es geben, das versprechen die drei Parteien der neuen Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag. »Bildung und Chancen für alle« ist das Motto, unter dem die Bildungspolitik künftig stehen soll – und an dem sich die künftige Regierung wird messen lassen müssen. Verbände und Interessengruppen sind vorsichtig optimistisch beim Blick in den Koalitionsvertrag, der unter anderem ein elternunabhängigeres Bafög und bessere Unterstützung von Brennpunktschulen vorsieht. Sie fordern aber, dass auf die Worte nun auch Taten folgen müssen.

3. Und sonst so?

Als letztes Bundesland will auch Berlin seine Lehrkräfte wieder verbeamten. Darauf einigte sich die künftige neue Landesregierung unter Franziska Giffey (SPD). Die Hauptstadt hatte die Lehrerverbeamtung vor rund zwei Jahrzehnten abgeschafft. Giffey zufolge ist nun geplant, ab dem Schuljahr 2023/24 wieder mit dieser Praxis zu beginnen. Ein entsprechendes Angebot sollen neben neuen Kolleginnen und Kollegen auch angestellte Lehrer bekommen, soweit sie die Altersgrenze von derzeit 45 Jahren noch nicht überschritten haben. Ob der Beamtenbonus gegen Lehrermangel hilft, analysiert die »Süddeutsche Zeitung«.

Die Bundesländer wollen mehr Zeit, um Bundesmittel für den Ausbau der Ganztagsbetreuung in Grundschulen zu nutzen. Der Bundesrat beschloss am Freitag, einen entsprechenden Antrag beim Bundestag einzubringen. Wegen der angespannten Lage im Bausektor und der Coronakrise gebe es erhebliche Verzögerungen bei Bauprojekten, so die Begründung. Deshalb könne man die Mittel nicht bis Jahresende abrufen.

Der Bund fördert den Ausbau von Ganztagsplätzen mit 750 Millionen Euro. Das Geld ist der erste Baustein für den geplanten Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz für Grundschulkinder, der ab 2025 stufenweise bis 2029 eingeführt werden soll.

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Gut zu wissen

Der Lehrkräftemangel hat viele Facetten. Eine Studie des DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sowie der Goethe-Universität Frankfurt zeigt, dass Studierende mit Migrationshintergrund ein geringeres Zugehörigkeitsgefühl zum Lehramtsstudium haben und eher dazu neigen abzubrechen. Die Untersuchung gibt Hinweise darauf, dass es zwischen Zugehörigkeitsgefühl und Abbruchintention einen Zusammenhang geben könnte.

Zahl der Woche

46

Das ist der Prozentsatz der Schulleiterinnen und Schulleiter, die ihren Job »wahrscheinlich nicht« oder sogar »auf keinen Fall« weiterempfehlen würden. Das geht aus der jährlichen repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) hervor. Als größtes Schulproblem wird – Sie ahnen es – nach wie vor der Lehrkräftemangel genannt. Weitere Details finden Sie hier.

Debatte der Woche

Impfen oder nicht? Inwieweit soll und darf sich die Schule als öffentliche, meist staatliche Institution, in diese private Entscheidung einmischen? Das Impfen selbst bleibe natürlich persönliche Angelegenheit der Familien, sagte Olaf Petschauer, Leiter eines Thüringer Gymnasiums, dem SPIEGEL. »Aber die Aufklärung der Kinder kann nur über Schulen erfolgen – weil wir nicht sicherstellen können, dass Informationen über die Eltern an die Kinder weitergegeben werden. So interpretiere ich den Bildungsauftrag von Schule.« Mit dieser Einstellung wurden Petschauer und andere Direktoren zur Zielscheibe von Impfgegnern und »Querdenkern«.

Rückenwind bekommen die Gegner der Schulimpfung vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. »Wer sich impfen lässt und wer nicht, geht nur die Familien etwas an«, sagt dessen Sprecher Jakob Maske, Kinderarzt in Berlin. In der Schule, wo sich vor allem Minderjährige aufhalten, habe das Thema nichts zu suchen. Zu groß sei die Gefahr, dass Gruppendruck entstehe. »Neutral zu informieren, das geht praktisch nicht.« Lesen Sie hier die ganze Geschichte

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