Der verzweifelte Kampf gegen den Lehrermangel

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Morgen, 

wie lange darf man eigentlich ein „frohes neues Jahr“ wünschen? Da dies die erste Ausgabe der „Kleinen Pause“ in 2020 ist, sind wir mal so frei: Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr.

Leider hat das Christkind auch in 2019 die Wünsche zahlreicher Kultusminister nicht erhört: Wer gehofft hatte, unter dem Tannenbaum einen Sack neuer Lehrkräfte zu finden, wurde bitter enttäuscht. Der Kampf gegen den Mangel geht also weiter („Das ist los“).  Außerdem beschäftigen wir uns mit der Frage, warum Jugendliche im Unterricht oft so unausgeschlafen sind. Ein Gymnasium bei Aachen hat deshalb ein Gleitzeit-Modell für die Oberstufe eingeführt, mit erstaunlichen Ergebnissen („Gut zu wissen“). Und wir diskutieren, ob die türkische Regierung künftig drei Schulen auf deutschen Boden einrichten darf, wie Präsident Recep Tayyip Erdoğan es offenbar plant („Das ist los“ und „Debatte der Woche“). 

Beim SPIEGEL hat das neue Jahr aufregend begonnen: Die ehemalige Print- und Online-Redaktion unseres Hauses sind nun eins, auch SPIEGEL ONLINE heißt fortan DER SPIEGEL. Nach außen hin ist diese Vereinigung vor allem auf der Website spiegel.de sichtbar, die im Zuge der Fusion umfassend aufgeräumt, erneuert und umgebaut wurde. Auch unsere Bildungsberichterstattung hat online nun einen neuen Platz: Aktuelle Texte rund um Schulen, Kitas und Hochschulen finden Sie künftig im Ressort Panorama unter dem Reiter Bildung

Wie gefällt Ihnen der neue Auftritt? Was ist gut – und was können wir besser machen? Natürlich freuen wir uns immer über Kritik, Tipps und Anregungen aus der Leserschaft, diesmal allerdings ganz besonders. 

Wir sind gespannt auf Ihr Feedback!
Das Team von „Kleine Pause“
Susmita Arp, Silke Fokken, Armin Himmelrath, Miriam Olbrisch

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Das ist los

1. Mehr Arbeit für Lehrkräfte an Grundschulen in Bayern

 Der Lehrermangel, das Schreckgespenst deutscher Schulpolitik, wird uns auch im neuen Jahr begleiten - und sehr wahrscheinlich auch darüber hinaus. Neu ist, dass er nun auch vor Bayern nicht Halt macht. Bisher galt das Bundesland in dieser Hinsicht als eine der wenigen Inseln der Glückseligkeit. Damit ist jetzt Schluss. „Um die Unterrichtsversorgung ab dem kommenden Schuljahr sicherzustellen“, wie es aus dem Ministerium von Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) heißt, müssten sich Lehrkräfte an Grundschulen auf Einschnitte einstellen. Künftig sollen sie zeitweise eine Stunde pro Woche mehr arbeiten. Wer früher in Pension gehen oder eine Auszeit in Form eines Sabbatjahres nehmen möchte, muss seine Pläne vorerst auf Eis legen.

2. Unterschreiben gegen den Mangel

In Sachsen-Anhalt können die Bürgerinnen und Bürger nun selbst etwas gegen den Lehrermangel tun: In der vergangenen Woche startete dort ein Volksbegehren, initiiert vom Bündnis „Den Mangel beenden – unseren Kindern eine Zukunft geben“. Die Initiative besteht aus Vertretern von Gewerkschaften, von Lehrer-, Eltern- und Schülerverbänden sowie der Partei Die Linke. Bis zum 7. Juli werden Unterschriften von neun Prozent der Wahlberechtigten im Land gebraucht. Das sind etwa 163.000 Menschen. Gelingt das, kommt ein Gesetzesentwurf in den Landtag, den das Bündnis ausgearbeitet hat. Die Verantwortlichen fordern darin unter anderem einen gesetzlich verankerten Personalschlüssel. Die Zahl der Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter und pädagogischen Mitarbeiter soll damit an die Zahl der Schüler gekoppelt werden.

3. Gibt es bald türkische Schulen in Deutschland?

Die Regierung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan möchte offenbar Schulen in Deutschland gründen – und verhandelt darüber mit der Bundesregierung. „Ziel dieses Abkommens ist es, (...) die Zusammenarbeit im Bildungsbereich zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Türkei im Hinblick auf im jeweils anderen Land bereits bestehende oder in Zukunft zu gründende (...) Schulen zu stärken“, heißt es in dem Entwurf eines Papiers, über das zuerst die Süddeutsche Zeitung berichtete und das dem SPIEGEL vorliegt. Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann, Koordinatorin der Unions-geführten Länder in der Kultusministerkonferenz, kritisierte die Pläne scharf: „Wir müssen sehr genau hinschauen, dass das Vorhaben von der Türkei nicht dazu genutzt wird, ideologischen Einfluss auf Schülerinnen und Schüler mit türkischen Wurzeln zu nehmen.“ Deutschland unterhält drei Auslandsschulen in der Türkei: In Istanbul, Ankara und Izmir.

Lesen Sie dazu weiter unten den Kommentar von SPIEGEL-Redakteurin Katrin Elger („Debatte der Woche“).

Gut zu wissen

Schüler sind deutlich ausgeschlafener, wenn die Schule später beginnt. Das haben Chronobiologen – so heißen Schlafforscher im Fachjargon – der Ludwig-Maximilians-Universität in München herausgefunden. Die Wissenschaftler begleiteten Schüler der Jahrgangsstufen 10 bis 12 an einem Gymnasium bei Aachen. Die Schule hatte einen flexiblen Unterrichtsbeginn eingeführt: Schüler der Oberstufe können Tag für Tag selbst entscheiden, ob sie schon zur ersten Stunde kommen oder erst zur zweiten. Acht Stunden Schlaf pro Nacht seien für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren das Minimum, sagt Till Roenneberg, einer der Autoren, im Interview mit dem SPIEGEL (€). Eine deutsche Zusammenfassung der Studie finden Sie hier, die ganze Untersuchung, allerdings auf Englisch, gibt es hier.

Debatte der Woche

Katrin Elger ist SPIEGEL-Redakteurin. Für das Ressort Deutschland / Panorama schreibt sie vor allem über Migration.

Türkische Schulen in Deutschland sind keine Option!

Die Forderung des türkischen Machthabers Recep Tayyip Erdoğan, in Berlin, Frankfurt am Main und Köln türkische Schulen gründen zu dürfen, ist nachvollziehbar. Hier geht es um Gleichberechtigung. Warum sollte es deutsche Schulen auf türkischem Boden geben dürfen aber keine türkischen auf deutschem? Erdoğans Verhandlungsposition ist gut. Seit dem Sommer sei die Bundesregierung mit Ankara zu diesem Thema in Gesprächen, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“.

Wenn Kanzlerin Angela Merkel die Schieflage beseitigen möchte, hat sie bei den derzeitigen politischen Zuständen in der Türkei aber nur eine Möglichkeit: Sie muss die drei deutschen Schulen in Istanbul, Izmir und Ankara schließen. Das ist bitter und nicht wünschenswert. Die Türkei wird damit als neues Zuhause für Expats mit Kindern deutlich unattraktiver werden. Eine deutsche Schulbildung in der Türkei wäre nicht mehr möglich.

Türkische Schulen in Deutschland aber sind keine Option. Sie wären das größere Übel. Erdoğan und seine AKP haben in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, wie gut sie es verstehen, den Moscheeverband Ditib dafür zu nutzen, ihre Staatsdoktrin in Deutschland zu verbreiten. Bereits damit ist die Bundesregierung überfordert. Wenn sie aber schon keine Idee hat, wie sie den Einfluss des türkischen Staates auf Migranten hierzulande eindämmen kann, dann sollte sie ihn wenigstens nicht auch noch größer werden lassen. 

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