Wenn Gesundheitsminister Schulpolitik machen

Haben Sie auch das Gefühl, sich erst mal sortieren zu müssen? Nicht wegen des neuen Schuljahrs, sondern wegen dieser ganzen Debatte, die sich gefühlt immer noch auf dem Stand von vor den Sommerferien bewegt?

Man braucht nur ein paar Stichwörter fallen zu lassen, und schon sind wir wieder mittendrin im föderalen Gewusel der Bildungspolitik. »Luftfilter« ist so ein Stichwort, »Quarantäne-Regelungen« ein anderes, »Bildungsungerechtigkeit« ein drittes (»Das ist los«).

Daraus leitet sich unmittelbar die Frage ab, wie gut sich die Bundesländer auf das neue Schuljahr vorbereitet haben. Wurden die Sommerferien genutzt? Gibt es neue Ideen für die kommenden Wochen in den Schulen? (»Debatte der Woche«)

Wir hoffen, dass Sie gut ins Schuljahr hineingefunden haben – oder, sofern Sie in Bayern oder Baden-Württemberg leben, noch die letzten Ferientage genießen können. Ihnen allen eine gute Woche!

Susmita Arp, Silke Fokken, Kristin Haug, Armin Himmelrath

Aktuelle Unterrichtsmaterialien zur Bundestagswahl 
Wie kommen wir aus der Klimakrise? Wie wird Deutschland gerechter? Wie wollen wir miteinander reden? In der Reihe Republik 21 diskutiert der SPIEGEL wichtige Zukunftsfragen im Wahljahr 2021 - bei SPIEGEL Ed finden Lehrkräfte dazu freie Unterrichtseinheiten - konzipiert für die Mittel- und Oberstufe. 

Das ist los

1. Die Sache mit der Quarantäne

Was die Kultusministerinnen und -minister können (nämlich: sich nicht zu einigen), das schaffen die Gesundheitsministerinnen und -minister schon lange: Auch in ihrem Zuständigkeitsbereich gibt es einen föderalen Flickenteppich. Da kündigte zum Beispiel Berlin an, nur noch Kinder und Jugendliche mit einem positiven PCR-Test in Quarantäne zu schicken – und musste den Plan dann schnell wieder beerdigen. Andere Länder, andere Regelungen: Mal werden ganze Schulklassen in Quarantäne geschickt, mal nur die Sitznachbarn, mal überhaupt niemand, weil die Kontaktverfolgung zu aufwendig ist.

Das alles soll in Zukunft anders und besser laufen. Am Montag hat deshalb die Gesundheitsministerkonferenz beschlossen, die Quarantäne für ganze Klassen abzuschaffen – zumindest grundsätzlich. Zusätzlich soll die Isolationsanordnung auch verkürzt werden, ein Freitesten nach fünf Tagen ist möglich. Wie einheitlich die neuen Regelungen tatsächlich umgesetzt werden, bleibt abzuwarten: Am Montag war von »Leitplanken« die Rede – und davon, dass die Gesundheitsämter vor Ort im Einzelfall auch abweichend entscheiden können.

Ohnehin hat man manchmal das Gefühl, dass in den Landesregierungen die Schülerinnen und Schüler nicht unbedingt ganz weit oben auf der Prioritätenliste in Sachen Corona stehen. Bemerkenswert jedenfalls ein Fall aus Duisburg: Da hat es das Land NRW abgelehnt, die Kosten für Busfahrten zu übernehmen, mit denen ältere Schülerinnen und Schüler zum Corona-Impfzentrum gebracht werden. Die Begründung ist bemerkenswert.

Passend dazu positionierte sich Virologe Christian Drosten: »Mit dieser Impfquote können wir nicht in den Herbst gehen«, sagte er im Interview mit dem Deutschlandfunk. Mit Blick auf Schulkinder unter zwölf Jahren sagte Drosten, es fehle die wissenschaftliche Sicherheit, »um die Kinder im Prinzip, wenn man das so salopp sagen möchte, freizugeben für eine Durchinfektion. Das kann man auf keinen Fall machen.«

Und wenn Sie sich noch ein bisschen Detailwissen anlesen wollen, um auch statistisch mitreden zu können über den aktuellen Anstieg der Infektionszahlen, dann empfehlen wir Ihnen einen Text von Holger Dambeck aus unserem Datenteam. Er hat sich angeschaut, wo die hohen Inzidenzen zum Schulstart herkommen – Spoiler: Es ist nicht der Präsenzunterricht. Den ganzen Text finden Sie hier.

2. Die Sache mit der Bildungsgerechtigkeit

Gleich zweimal hat uns in der vergangenen Woche das Thema Bildungsgerechtigkeit beschäftigt – einmal direkt, einmal indirekt. Zum einen hat Klaus Klemm, einer der wichtigsten Bildungsforscher der Republik, für den Deutschen Gewerkschaftsbund untersucht, wie es denn zwei Jahrzehnte nach dem Pisa-Schock mit der sozialen Spaltung in den Schulklassen aussieht. Sein niederschmetterndes Fazit: »Ein echter Fortschritt ist nicht erkennbar.« Die Einzelheiten zur Studie können Sie hier nachlesen.

Und dann sind da noch die aktuellen Zahlen zum Digitalpakt. Vielleicht sieht es an Ihrer Schule in Sachen Digitalausstattung ja ganz gut aus, insgesamt jedoch ist von der »irren Aufholjagd«, die die Kultusministerkonferenz vor ein paar Monaten versprochen hatte, nur wenig zu sehen. Betroffen sind vor allem diejenigen Schülerinnen und Schüler, die zuhause keine hochwertige Technikausstattung vorfinden.

Illustration zum Abonnieren des Bildungs-Newsletters "Kleine Pause"
„Kleine Pause“ – der Bildungs-News­letter vom SPIEGEL
News, Debatten und neue Erkennt­nisse aus der Wissen­schaft: Hier erfahren Sie, was Deutschlands Schulen bewegt. Bleiben sie bei Bildungs­themen immer auf dem Laufenden. Erfahren Sie früher von neuen Ange­boten auf SPIEGEL Ed.

Und sonst noch?

Bleibt die Schule wegen der Pandemie zu, sollte Digitalunterricht daheim Pflicht sein. Das fordert eine Bevölkerungsmehrheit laut einer Umfrage. Insgesamt aber ist das Meinungsbild zur Corona-Schulpolitik gespalten.

Und noch ein ganz anderes Thema: In Sachsen will das Kultusministerium keine Gender-Sonderzeichen an Schulen dulden. Auf Sternchen, Doppelpunkt oder Unterstrich soll dort künftig verzichtet werden.

Gut zu wissen

Schul- und verwaltungsrechtliche Entscheidungen sind oft eine thematische Fundgrube. Diesmal geht es um einen Schüler, der wegen des Infektionsgeschehens verlangte, zuhause unterrichtet zu werden. Doch das Verwaltungsgericht Düsseldorf lehnte das Ansinnen ab.

Auch wenn die Sieben-Tage-Inzidenz über einem Wert von 100 liegt, haben Schülerinnen und Schüler kein Recht auf Distanzlernen, sondern müssen zum Unterricht erscheinen.

Debatte der Woche

Dass Präsenzunterricht die wohl beste Form schulischen Lernens ist, darüber gibt es wenig Dissens. Wohl aber darüber, wie denn Präsenzunterricht im vierten Schulhalbjahr mit Corona-Auswirkungen garantiert werden kann.

Uns interessiert, wie Sie das sehen: Fühlen Sie sich gut abgesichert? Hat Ihre Landesregierung oder Ihre Schulleitung ein brauchbares Konzept entwickelt? Was läuft an Ihrer Schule? Was fehlt? Was wünschen Sie sich?

Erzählen Sie uns gern von Ihren Erfahrungen und schreiben Sie an bildung@spiegel.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Illustration zu den Unterrichtsmaterialien der Bildungsinitiative SPIEGEL Ed

Interaktive Unterrichtsmodule und aktuelle Inhalte zum Thema Journalismus – für modernen und anwendungsorientierten Medienunterricht.

Jetzt Materialien entdecken!
Illustration zum Workshop-Angebot der Bildungsinitiative SPIEGEL Ed

In praxisorientierten Work­shops diskutieren wir mit Schüler­gruppen, wie gute Nachrichten gemacht werden – und wie man sie kompetent nutzt.

Jetzt bewerben!