Coronawinter, die Zweite: Zwischen Frust und Sarkasmus

Rasant steigende Infektionszahlen, aber immer noch kein Konzept für die Schulen: Für viele Lehrkräfte und Eltern ist dieses zweite Corona-Winterhalbjahr wie ein Déjà-vu. Zum Ritual gehören die Warnrufe des Lehrerverbands, das Lüften – und die fehlenden Luftfilter.

Wahrscheinlich gehört es zu den Kernkompetenzen von Schulleiterinnen, auch in Krisensituation die Ruhe zu bewahren. Nur so ist es zu erklären, dass die Rektorin der Hamburger Ida Ehre Schule fast stoisch auf die Warnung des Lehrerverbandspräsidenten Heinz-Peter Meidinger reagiert, die Gefahr sei immens, dass wir die Kontrolle über das Pandemiegeschehen an Schulen verlieren. (»Debatte der Woche«).

Dabei darf man als Geimpfte oder Genesener dieser Tage wirklich wütend werden angesichts der explodierenden Corona-Fallzahlen – auch und gerade unter Schülerinnen und Schülern. Das mit der Wut übernimmt diese Woche der Kollege Alex Rühle von der »Süddeutschen Zeitung«, bitte schön: »Jetzt kommt der Winter und es ist unfassbar, dass man nun wieder wählen muss zwischen Durchseuchung und Isolation der Kinder.« Ob irgendjemand mittlerweile Luftfilter entdeckt habe, fragt er sarkastisch. Dass die schützen, sei seit einem Jahr bekannt. Es gebe sie aber nicht flächendeckend.

So rausche das Land in die vierte Welle, die ungeimpften Kinder steckten sich bei den ungeimpften Erwachsenen an (»ganz herzlichen Dank dafür!«), und die Schulgebäude würden zu Virennestern. Schülervertreter Dario Schramm sagt im Prinzip dasselbe wie der SZ-Kollege, nur klingt er dabei leider schon ziemlich resigniert. (»Das ist los«)

Welche Folgen Corona für die diesjährigen Erstklässlerinnen und Erstklässler hat, zeigt der Schulleitungsverband auf. Und auch bei unserer »Zahl der Woche« geht es noch mal um Einschulungen.

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Das ist los

1. Frustrierter Appell des Bundesschülervertreters

Die Inzidenz bei den Schülerinnen und Schülern ist sehr hoch. Kein Wunder, dass Dario Schramm, bis zum vergangenen Wochenende Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, glaubt, »dass die Frustration in der jungen Generation zunehmend größer wird gegen diejenigen, die sich nicht impfen lassen«. Er appelliert an die älteren Generationen, sich impfen zu lassen. Schramm erwartet in diesem Winter sehr viele Quarantäne- und Infektionsfälle an den Schulen. Es sei erschreckend, dass man in einer ganz ähnlichen Situation sei wie im vergangenen Jahr.

2. Erstklässler leiden unter Folgen von Kita-Schließungen

Dabei sind die Schäden der Schließungen aus den letzten drei Infektionswellen noch gar nicht behoben. Der Schulleitungsverband teilte mit, die Kinder seien durch die monatelang nur unregelmäßig oder gar nicht geöffneten Kitas weniger gruppenfähig. »Sich einordnen, eigene Bedürfnisse zurückstellen, abwarten, bis man dran ist: Solche Grundkompetenzen werden in Familien weniger vermittelt als in der Kita. Diese Gruppenprozesse sind aber enorm wichtig«, sagte die Verbandsvorsitzende Gudrun Wolters-Vogeler der »Welt«.

3. Fast die Hälfte der Lehrkräfte hält IT-Ausstattung für nicht ausreichend

Die Nutzung von Laptops und Tablets im Unterricht nimmt zwar zu. Aber es hakt in den Schulen immer noch beim Anschluss ans Internet, wie die Befragung »Schule digital – Der Länderindikator 2021« zeigt. Hier finden Sie die wichtigsten Ergebnisse.

4. Und sonst noch?

Andreas Scheuer hat ja nicht unbedingt den Ruf, zu den erfolgreichsten Ministern der vergangenen Bundesregierung zu gehören. Das hat er am Wochenende noch einmal ambitioniert untermauert – mit einem schulpolitischen Vorschlag: Der nur noch geschäftsführende CSU-Verkehrsminister will auf den letzten Metern seiner Ministertätigkeit den Beruf des Lastwagenfahrers nach vorne bringen und hat dazu Werbekampagne in Schulen vorgeschlagen. Sie soll »im zulässigen Rahmen der gebotenen Neutralität stärker in der Berufsorientierung der Schulen und den Beratungen der Agentur für Arbeit« für den LKW-Führerschein werben. Dafür könne die Bundesagentur für Arbeit doch Bildungsgutscheine ausgeben, findet Scheuer. Die ganze Geschichte können Sie hier bei den Kolleginnen und Kollegen der WAZ lesen.

Und wo wir gerade bei Perspektiven für Ihre Schülerinnen und Schüler sind: Heute veröffentlicht das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) eine Analyse, der zufolge es mittlerweile so viele Studiengänge gibt wie nie zuvor – insgesamt rund 21.000. Wie sich diese verwirrende Vielfalt aufteilt, können Sie hier nachlesen.

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Zahl der Woche

771.700: So viele i-Dötzchen gab es in diesem Jahr. Das sind laut Statistischem Bundesamt so viele wie seit 14 Jahren nicht mehr. Die Zahl der Erstklässlerinnen und Erstklässler steigt schon seit fünf Jahren wieder an. Was Demografen und Rentenexpertinnen wahrscheinlich mit Freude beobachten, stimmt uns im Bildungsteam nachdenklich: Schließlich berichten wir immer und immer wieder über den Lehrermangel, so auch im letzten Newsletter.

Gut zu wissen

Mütter mit einem akademischen Abschluss engagieren sich häufiger in der Schule ihrer Kinder als Mütter, die eine Ausbildung absolviert oder keinen beruflichen Abschluss haben. Das geht aus einer Studie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hervor. Akademikerinnen sind demnach häufiger in Elternvertretungen aktiv, gehen eher zu Elternabenden und bringen sich öfter bei Schulfesten und anderen Veranstaltungen ein. Nicht-Akademikerinnen helfen ihren Kindern hingegen eher zu Hause bei Recherchen im Internet oder bei Hausaufgaben.

Debatte der Woche

Was Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, sagt, findet meist Gehör – und ist oft umstritten. So haben wir in der vergangenen Woche Schulleiterinnen gefragt, ob sie selbst ebenfalls besorgt sind, dass die Pandemie an Schulen außer Kontrolle gerate.

Nicole Boutez, Rektorin an der Hamburger Ida Ehre Schule, sagte in unserem Interview: »Eine Pandemie unter Kontrolle zu haben, ist ein Widerspruch an sich. Ich verstehe den Kollegen so, dass wir weiter auf die Beteiligten einwirken müssen. Wenn wir in unserer Haltung unklar werden, dann halten die Schülerinnen und Schüler die Vorgaben wie Maske tragen und Abstand halten nicht ein. Und wenn wir statt Einverständnis eine Diskussion über die Regeln haben, dann haben wir ein Problem. In der öffentlichen Debatte werden die Regeln teilweise infrage gestellt. Für Kinder und Jugendliche muss man aber konsequent sein.« Das Gespräch finden Sie hier.

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