Wechselmodell im Wechselbad der Gefühle

Wer auf eine klare Linie bei der jüngsten Bund-Länder-Runde zum Thema Schulen und Corona gehofft hatte, wurde enttäuscht – und hat damit nun etwas gemeinsam mit der Kanzlerin.

Was Generationen von Kultusministern nicht gelungen ist, schafft die Pandemie. (Fast) ganz Deutschland geht gemeinsam in die Ferien. Ab dem 19. Dezember sind die Schulen zu – und damit in einigen Bundesländern etwas früher als geplant. Die Idee: Schülerinnen und Schüler begeben sich in Selbstisolation, damit sie Oma und Opa beim Fest nicht anstecken. Das war’s dann aber auch schon mit der Einigkeit bei der jüngsten Bund-Länder-Runde zum Thema Schulen.

Wie der Schulalltag bis zu den Weihnachtsferien geregelt wird, bleibt – Sie ahnen es – letztlich Ländersache und wird vor Ort entschieden. Das nervt inzwischen offenbar auch Angela Merkel, die sich zu mahnenden Worten genötigt fühlt. Im Kanzleramt hätten sich die Akteure weit strengere Maßnahmen zum Infektionsschutz an Schulen gewünscht – und nicht nur dort (»Das ist los«).  

Egal allerdings, auf welcher Ebene die Politik Entscheidungen trifft, klar ist, wer sie an den Schulen umsetzen muss: die Kollegien vor Ort. Wie sich die monatelange Belastung auswirkt, zeigen aktuelle Umfragen und sehr persönliche Protokolle. Der streitbare Lehrer Arne Ulbricht kehrt deutschen Schulen nach 18 Jahren gar den Rücken. Er beschreibt, was er als Bildungsminister alles anders machen würde (»Debatte der Woche«).

Wenn Sie selbst eine richtig gute Idee haben, wie sich zumindest Hybridunterricht gut gestalten lässt, schreiben Sie uns unter kleinepause@newsletter.spiegel.de von Ihren Erfahrungen. Wir sammeln »Best Practice«-Beispiele, die wir hier veröffentlichen. Bis dahin alles Gute!

Silke Fokken, Armin Himmelrath, Swantje Unterberg

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Das ist los

1. Die Kanzlerin, unzufrieden

Hybridunterricht und Wechselmodell gehören neben AHA-L-Regeln, Sieben-Tage-Inzidenz und Maskenpflicht zu den neuen Vokabeln im Corona-Schulalltag – und neuerdings auch im Bundestag. Es kommt selten vor, dass sich Kanzlerin Angela Merkel zum Thema Schulen zu Wort meldet, weil der Bund dafür gar nicht zuständig ist. Aber nun fand sie es doch unumgänglich. Sie halte Hybridunterricht an Schulen in den »Hotspots der Hotspots« für »absolut nötig«, mahnte die Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung am Donnerstag, merklich unzufrieden mit dem Beschluss vom Vortag.

Die Bund-Länder-Runde hatte sich nach zähem Ringen auf nicht besonders weitreichende Empfehlungen geeinigt: Schulen in Regionen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 200 Fällen pro 100.000 Einwohner sollen weitergehende Maßnahmen für die Unterrichtsgestaltung »schulspezifisch« umsetzen. Diese Maßnahmen sollen ab Klassenstufe acht gelten, aber nicht zwingend für Abschlussklassen. Sollen, heißt es in dem Papier, nicht müssen.

Merkel geht das nicht weit genug. Das Kanzleramt hatte vorgeschlagen, bei entsprechend hohen Infektionszahlen Schulen regional zu schließen. Die Details lesen Sie hier.

Das Thema Wechselunterricht ist seit Wochen stark umstritten, die Positionen sind klar, und so fallen auch die Reaktionen auf die Beschlüsse sehr gemischt, wenn auch nicht allzu überraschend aus. Elternverbände zeigen sich enttäuscht, und Schülerinnen und Schüler wollen gar für Hybridunterricht streiken, wie Sie hier nachlesen können. In der »Zeit« empören sich Schulleitungen: »Hybridunterricht ist eine Katastrophe.«

2. OECD-Bildungsdirektor, sehr zufrieden

»Von einer guten Lösung«, mit der er nicht gerechnet habe, spricht dagegen OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. Zusammen mit namhaften Fachleuten wie der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, Jutta Allmendinger, und anderen hatte Schleicher vor der Merkel-Runde am Mittwoch in einem Gastbeitrag im »Tagesspiegel« noch vor weitreichendem Hybridunterricht gewarnt.

3. Die Schulleitungen, äußerst unzufrieden

Von AHA-L-Regeln bis Wechselmodell beherrscht wohl niemand das ABC der »neuen Normalität« an Schulen so gut wie Deutschlands Schulleitungen. Unfreiwillig – sie sind seit Monaten gezwungen, die Corona-Beschlüsse der Politik umzusetzen und den gesamten Betrieb mit großen Kollegien sowie einigen Hundert Schülerinnen und Schülern umzukrempeln. Das wirkt sich deutlich auf ihre Stimmung aus, wie eine Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) zeigt.

  • Nur 24 Prozent der befragten Schulleiter berichten, dass sie »sehr gern« zur Arbeit gehen. Im vergangenen Jahr waren es noch 58 Prozent.

  • Der Anteil an Befragten, die »eher ungern« oder »sehr ungern« zur Arbeit gehen, stieg dagegen von 4 auf 27 Prozent.

  • Immer mehr Schulleitungen haben zudem Mühe, all ihre Aufgaben in der vorgegebenen Arbeitszeit zu schaffen. Nur 3 Prozent geben an, dass ihnen das gelingt. Jeder Vierte sagt, er schaffe maximal die Hälfte.

  • 60 Prozent der Schulleiter sagen, dass sie ihre Aufgaben häufig zu ihrer eigenen Zufriedenheit erfüllen können – deutlich weniger als im vergangenen Jahr, als dieser Ansicht noch 73 Prozent waren.

Auch an Lehrerinnen und Lehrern geht der Corona-Alltag nicht spurlos vorbei. Laut einer Studie der DAK-Krankenkasse und des Deutschen Lehrerverbandes zeigt jede vierte Lehrkraft in der Pandemie Anzeichen von Burn-out und ist regelmäßig emotional erschöpft.

Ein beeindruckendes und manchmal beklemmendes Tagebuch ihrer Arbeit unter Corona-Bedingungen hat die Trierer Lehrerin Katharina Fleer in der »Süddeutschen Zeitung« veröffentlicht. Eine ihrer Tagesbilanzen: »Kontakt mit 62 Haushalten (ohne Pausenaufsicht, Kollegen, Busfahrt) – Schüler, die ihr Handy benutzen: 62 – Schüler, die die Corona-App installiert haben: 0.« Und: »Die Seife ist leer.«

Gut zu wissen

Egal, wie viel Ärger ein Vater an der Schule macht, die Schulbehörde darf das Kind nicht zwangsweise an eine andere Schule schicken. Das hat das Berliner Verwaltungsgericht entschieden – und damit einem 15-Jährigen recht gegeben, dessen Vater Mitschüler, Klassenlehrerinnen und auch die Schulleitung über zwei Jahre drangsaliert hatte, unter anderem mit Strafanzeigen. Die Details lesen Sie hier.

Debatte der Woche

Abschied aus dem Rotstiftmilieu

18 Jahre lang hat Arne Ulbricht, streitbarer Lehrer und Autor, an Schulen gearbeitet – und in zahlreichen Büchern und Artikeln, auch auf spiegel.de, darüber berichtet. Einige seiner Texte finden Sie hier, hier und hier.

Ulbricht hat auch Romane geschrieben. Sein aktuelles Werk heißt »Schilksee 1990« und hat – natürlich – mit Schule zu tun. Es geht unter anderem um einen Siebzehnjährigen, der im Jahr 1990 nicht nur verliebt ist, sondern auch in die 12. Klasse geht und während Gruppenarbeiten über die Wiedervereinigung diskutiert.

Den deutschen Lehrerzimmern kehrt Arne Ulbricht jetzt den Rücken – und verabschiedet sich bei allen SPIEGEL-Leserinnen und Lesern mit einem ganz persönlichen Rückblick:

»Von 2002 bis 2004 war ich Referendar an einem Gymnasium in Schleswig-Holstein, anschließend Vertretungslehrer an vier Schulen in Hamburg, an einer Schule in Berlin, und in Nordrhein-Westfalen unterrichte ich an meiner dritten Schule – seit 2012 bin ich fest angestellt. Summa summarum achtzehn Jahre Lehrer in Deutschland, die jetzt enden. Denn meine Familie zieht nach Schweden. (Grund: Berufswechsel meiner Frau.)

Zeit für einen Rückblick. Was waren die Tiefpunkte, was waren die Höhepunkte, was würde ich als gesamtdeutscher Bildungsminister mit besonderen Vollmachten verändern?

Zu den Tiefpunkten gehörten gewiss die Strukturen, vor allem der Föderalismus, der mir lange Zeit das Leben wirklich zur Hölle gemacht hat. Ein Beispiel unter vielen aus dem Jahr 2009: »Sie wollen sich mit Ihrem Zweiten Staatsexamen aus Schleswig-Holstein hier in Nordrhein-Westfalen bewerben?« »Jaaa…« »Aber da steht ja gar nicht die Kommanote drauf!« »Das war in Hamburg und Berlin doch auch egal, und ich dachte Staatsexamen…« »Bildung ist Ländersache, mein Freund!« Puh… (Und ganz ehrlich: War dieser Corona-Flickenteppich nicht ein durchgehendes Ärgernis?)

Und dieser ganze Papierkram, der Wahnsinn! Vor allem vor Klassenfahrten nimmt der Irrsinn groteske Ausmaße an, weil du ganze Fragebögen austeilst und wieder einsammeln musst: Ist ihr Kind Veganer/Vegetarier? Hat es Allergien oder nimmt es irgendwelche Medikamente? Darf es sich von der Jugendherberge ohne Aufsicht entfernen? Usw. Und auch sonst: Heutzutage lässt du jeden Test von den Eltern unterschreiben, machen alle so. Also wird ständig kontrolliert. Und dann hat der eine LRS. Die andere Dyskalkulie. Der Nächste ADHS. Um diese Kinder muss man sich besonders kümmern, schon richtig. Aber geht das nicht auch ohne ellenlange Formulare, die manchmal komplizierter auszufüllen sind als eine Steuererklärung?

Das Unterrichten selbst war wiederum ein achtzehn Jahre währender Höhepunkt! Und zwar aus einem konkreten Grund: Man arbeitet mit jungen Menschen zusammen, die auf ihre Weise süß (bis zur 5./6. Klasse) oder mehr oder weniger liebevoll durchgeknallt (7.-9.) sind oder sich in großen Schritten dem Erwachsensein nähern und sich manchmal sogar erwachsen verhalten (ab 10.). Man streitet, man schimpft, man wird auch mal ausgeschimpft, hin und wieder eskaliert es und man sucht verzweifelt, aber meistens gemeinsam, nach Lösungen.

Und natürlich gibt es immer wieder Phasen, in deren Zentrum der Fachunterricht selbst steht. Dann kommt es vor, dass eine kleine Schülerin vor einem steht und sagt: »Du, Herr Ulbricht, heute hat es mir total Spaß gebracht!« Oder man bekommt eine Mail: »Ich habe mir auf Ihre Empfehlung hin ›Im Westen nichts Neues‹ gekauft. Das Buch hat mich sehr berührt! Danke für den Tipp!« Oder: »Ihr dürft einpacken, es hat geklingelt!« Aber niemand packt ein – denn alle sind vertieft in die kreative Textaufgabe, die man gestellt hat. In solchen Situationen vergisst man sogar seinen Ärger darüber, dass ein Schüler noch immer nicht das Toilettengeld bezahlt hat und man die Eltern anrufen muss.

Was ich in der Bildungsrepublik Deutschland verändern würde? Den Bundeslandwechsel erleichtern, logisch. Wir leben in einer globalen und nicht in einer lokalen Welt. Abgesehen davon geht dieses ganze Digitalpakt-Gequatsche einfach an der Schulrealität vorbei. Das sage ich, obwohl ich längst nicht mehr dieser Digitalisierungskritiker bin, der ich mal war. Tablets sind okay, aber sie lösen kein einziges echtes Problem. Was wir brauchen, das sind kleinere Klassen! Wenn du eine 30er-Klasse unterrichtest, dann kannst du gar nicht allen gerecht werden (und Abstand einhalten geht auch nicht) – da nützt doch auch ein Tablet nichts.

In einem solchen Monsterverband bleiben Kinder schlicht und ergreifend auf der Strecke. Kinder, die menschliche Zuneigung brauchen und keinen Touchscreen. Für kleinere Klassen benötigen wir erstens mehr Platz und zweitens mehr Personal. Und wenn dann der Schulhof noch aussieht wie ein kleiner Park und nicht wie ein Parkplatz vor dem Discounter, wäre Schule das, was es optimalerweise sein sollte: ein Lernort, der zugleich ein Wohlfühlort ist!«

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