Corona und die Schulen: Da kommt noch was auf uns zu

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Morgen,

haben Sie sich auch schon auf die didacta gefreut, auf das Treffen mit Kolleginnen und Kollegen, auf inhaltlichen Input für die tägliche Arbeit im Klassenzimmer? Und vielleicht hatten Sie ja sogar schon ein Hotelzimmer in Stuttgart gebucht und sich von Ihrer Schulleitung die Genehmigung für den didacta-Besuch geholt? Sie werden es schon gehört haben: Daraus wird nun leider nichts, das Coronavirus ist schuld. Denn das zuständige Gesundheitsamt hält die Bildungsmesse in Stuttgart in diesen Zeiten für zu risikoreich.

Die didacta fällt also aus (offizielle Sprachregelung: „wird verschoben“), und vielleicht lässt sich das ja mit einem anderen Gedanken leichter ertragen. Denn, ganz ehrlich: Wenn Sie nicht zufällig an einer Schulpreis-Schule unterrichten, dann hätten Ihnen die Anbieter in Stuttgart doch einfach nur ein paar Tage lang den Mund wässrig gemacht mit all den tollen digitalen Möglichkeiten, mit Geräten und Konzepten, die uns Messebesucher von einer wundervollen Unterrichtszukunft träumen lassen – die aber im Alltag so unerreichbar fern scheinen, dass ein didacta-Besuch fast schon als Realitätsflucht gedeutet werden kann.

Stimmt nicht und Sie sehen das ganz anders? Wir freuen uns über Post an kleinepause@newsletter.spiegel.de. Auch dann, wenn sie andere Fragen haben, Kritik und Anregungen zu unserem Newsletter.

Ansonsten schauen wir auf die Corona-Lage an den Schulen. Flächendeckend schließen oder nicht? Noch ist die Mehrheit der Entscheider skeptisch, aber das kann sich stündlich ändern. Einige Hintergrundinformationen dazu lesen Sie unter „Das ist los“. Und auch in der „Debatte der Woche“ geht es darum, wie das Bildungssystem mit dem Coronavirus umgehen sollte. Unser Autor Armin Himmelrath findet: durchaus beherzt. Und plädiert tatsächlich für die viel diskutierten „Coronaferien“.

Ansonsten schauen wir auf die Leseleistungen von Jungen und deren häufig nicht sonderlich ausgeprägte Motivation, ein Buch in die Hand zu nehmen. Woran das liegen könnte, haben Wissenschaftlerinnen der Universität Hamburg untersucht („Gut zu wissen“). Viel Spaß – und hoffentlich auch ein bisschen Erkenntnisgewinn – mit unserem Newsletter!

Das Team von „Kleine Pause“
Susmita Arp, Silke Fokken, Armin Himmelrath, Miriam Olbrisch

Illustration zum Abonnieren des Bildungs-Newsletters "Kleine Pause"
„Kleine Pause“ – der Bildungs-News­letter vom SPIEGEL
News, Debatten und neue Erkennt­nisse aus der Wissen­schaft: Hier erfahren Sie, was Deutschlands Schulen bewegt. Bleiben sie bei Bildungs­themen immer auf dem Laufenden. Erfahren Sie früher von neuen Ange­boten auf SPIEGEL Ed.

Das ist los

1. Corona, Corona, Corona

Was können, was sollten Schulen tun, um dem sich ausbreitenden Coronavirus etwas entgegen zu setzen? Am besten gar nichts, weil sie komplett geschlossen sein sollten, sagt der Virologe Alexander Kekulé und fordert zweiwöchige „Coronaferien“. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig, hält das dagegen für unnötig, garniert ihre Aussage allerdings mit dem schönen Zusatz, solche Schließungen seien „derzeit kein Thema“. Im Klartext: Diese Einschätzung kann sich jederzeit ändern (möglicherweise sogar zwischen der Produktion und dem Versand dieses Newsletters). Was auch an Gesundheitsminister Jens Spahn liegt, der neuerdings von Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern abrät.

Da fragt sich manche Schulleiterin: Im Unterricht sind meine 1300 Schülerinnen und Schüler ja noch in Kleingruppen aufgeteilt – aber spätestens in der Pause wird die Schule dann doch zur Großveranstaltung. Was soll ich also machen? Zumindest für regelmäßiges Händewaschen sorgen, sagen Experten. Aber auch das ist an vielen Schulen leichter gesagt als getan. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Seifenmangel und fehlendem Toilettenpapier, mit Handtuchspendern und dem generellen Zustand der Schultoiletten?
Schreiben Sie uns gerne an kleinepause@newsletter.spiegel.de.

Dass Hygiene in den Schulen ein Riesenthema ist, haben uns viele von Ihnen bestätigt. So schrieb uns Nikola Janner, die als Lehrerin an einer Förderschule in Bayern arbeitet: „Bitte mal ausrechnen, wie lange es dauern würde, wenn 60 Schülerinnen an genau EINEM Waschbecken morgens (nach der U-Bahn), vor der ersten Pause, nach der ersten Pause, vor der zweiten Pause und nach der zweiten Pause Hände waschen würden – also pro Kind vielleicht eine Minute…“. 60 Kinder mit jeweils fünf mal einer Minute – macht genau fünf Stunden Händewaschzeit. Oder, wie Nikola Janner es formuliert: „Unterricht wäre dann ja gar nicht mehr möglich.“

Im Übrigen kann es sich gerade in diesen Tagen lohnen, noch einmal genauer auf die Schulsysteme in anderen Ländern zu schauen. So berichtet die Kollegin Michaela Wiegel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ aus Frankreich von der staatlichen Webschule, die virtuellen Unterricht nicht als besonderes Projekt, sondern als Standard anbietet – und die jetzt, nach den Corona-bedingten Schulschließungen, zeigen will, wie gut Fernunterricht über das Netz funktioniert. Den Text finden Sie hier.

2. Ausgebrannt am Gymnasium

Den Philologenverband als Lehrerlobby zu bezeichnen, ist nicht ganz falsch: Der Verband hat sich auf die Fahnen geschrieben, für seine vor allem an Gymnasien tätigen Mitglieder Verständnis zu wecken und deren Interessen in der Öffentlichkeit und in der Bildungspolitik zu vertreten. Deshalb überrascht es auch nicht, wenn der Philologenverband immer mal wieder über die Arbeitsbedingungen der bundesweit rund 176.000 Lehrkräfte an Gymnasien klagt. Die Klage aber, die zu Beginn dieser Woche laut wurde, hat Substanz: 16.000 Lehrerinnen und Lehrer haben sich an einer Online-Umfrage zur Arbeitsbelastung beteiligt. Dabei zeigte sich, dass sich zwei Drittel von ihnen durch die Arbeit „stark belastet“ fühlen. Vor allem das hohe Arbeitspensum wurde dabei als Stressfaktor genannt, außerdem fehlende Ruhezonen im Arbeitsalltag und der Lärmpegel in vielen Klassenzimmern. „Lehrern wird ihr Beruf durch schlechte Rahmenbedingungen und die Delegierung neuer Aufgaben von Seiten der Politik immer weiter erschwert", kommentierte die Bundesvorsitzende des Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing. Und das war dann doch schon wieder ziemlich erwartbar.

3. Schulkuriositäten

Schulen sind auch ein Biotop. Und zwar eins, in dem sich mitunter seltsame Themen und schrullige Gestalten entwickeln. Das kann so weit gehen, dass sich sogar die Staatsanwaltschaft einschaltet – so wie im Fall des stellvertretenden Schulleiters eines Cottbusser Gymnasiums, der mit Abhörmikrofonen seine Kolleginnen und Kollegen ausspioniert haben soll. Kein Fall für die Staatsanwaltschaft, sondern eher für den Stammtisch ist dagegen die Forderung der CSU-Fraktion im Münchner Rathaus, die im Unterricht gerne Schafkopfen lassen möchte. Und dann war da noch der Schüler, der beim Schulwechsel seine Schülerakte bereinigen lassen wollte: Die enthielt nämlich jede Menge unschöner Gewalt- und Disziplinarvorfälle. Seine neue Schule darf und soll diese Informationen aber bekommen, entschied das Verwaltungsgericht Berlin.

Gut zu wissen

Das Leseverhalten von Jungen unterscheidet sich mehrheitlich von dem der Mädchen: Die schneiden in vielen Bildungsstudien beim Leseverständnis besser ab als ihre Klassenkameraden. Woran das liegen kann, hat die Hamburger Psychologin Francesca Muntoni mit ihrem Team untersucht. Eines der Hauptergebnisse: Die Kinder ließen sich vermutlich von Rollen-Klischees beeinflussen. Jungen, die besonders fest daran glaubten, dass Mädchen besser lesen, schätzten ihre eigene Lesekompetenz eher gering ein und lasen weniger gerne. Sie schnitten in den Tests auch schlechter ab. Bei den Mädchen waren die Auswirkungen der Vorurteile geringer. Muntoni empfiehlt deshalb Eltern und Lehrkräften, mehr auf die persönlichen Stärken der Kinder zu achten und damit geschlechtsneutral umzugehen. Väter sollten ihren Söhnen mehr vorlesen und Lehrkräfte sollten mehr Texte mit Themen einsetzen, die auch für Jungs spannend sind. Die Forschungsergebnisse finden Sie (auf Englisch) hier.

Debatte der Woche

Macht die Schulen zu!

Für flächendeckende Schulschließungen fehlt der Anlass, sagen Kultusminister und Vertreter von Lehrerverbänden. Sie liegen falsch, findet Armin Himmelrath.

Wer wegen des Coronavirus flächendeckend Schulen schließt, geht ein Risiko ein. Das Risiko nämlich, dass dieser Eingriff ins Bildungssystem als übertriebener Aktionismus gewertet wird, als zu große Belastung der Eltern und Familien, als fachlich falscher Ansatz, weil Kinder bei der Verbreitung des Virus eine viel geringere Rolle zu spielen scheinen als Erwachsene. Deshalb sprechen sich viele Fachleute bisher gegen die sogenannten „Coronaferien“ aus. Doch dieser Argumentation liegen zwei Denkfehler zugrunde. Der eine: Es geht bei flächendeckenden „Coronaferien“ nicht um den Stopp der Epidemie, sondern um eine deutliche Verlangsamung – um die von den Experten erwartete Ansteckung eines Großteils der Bevölkerung über einen längeren, besser beherrschbaren Zeitraum zu strecken. Dazu können Schulschließungen beitragen, und noch besser funktioniert das, wenn sich auch Kitas und Hochschulen anschließen. Der zweite Denkfehler betrifft die Folgen: Natürlich müssten in den „Coronaferien“ zahlreiche Eltern zuhause bleiben, würden bisherige familiäre Betreuungsstrukturen dafür nicht mehr ausreichen. Aber genau dieses Risiko müssten verantwortungsbewusste Bildungs- und Gesundheitspolitiker eingehen: Denn wenn die große, massive Ansteckungswelle erst einmal da ist, dann haben wir noch ganz andere Probleme als ein für zwei Wochen stillgelegtes Bildungssystem.

Natürlich weiß niemand, ob es wirklich so schlimm kommt. Aber möglichst früh alles zu tun, damit es dazu eben idealerweise nicht kommt – das können wir von den Verantwortlichen schon erwarten. Deshalb: Macht die Schulen zu! Und nutzt die Zeit, um digitale Unterrichtsformen auszuprobieren. So könnten die „Coronaferien“ zur Fortbildung für das ganze Land werden.

Neues von SPIEGEL Ed 

Medienpädagogisches Kursangebot: „Gute Nachrichten!“ – freie Kurstermine im Zeitraum März bis Juni 2020

Ziel des Workshopformats ist es, die Medienkompetenz der Schüler*innen ab Jahrgangsstufe 9 zu stärken. Aufbauend auf den Mediengewohnheiten der Jugendlichen vermitteln die Kurse ein Verständnis für journalistische Arbeitsweisen. Die Schüler*innen beschäftigen sich mit der Rolle und Verantwortung einer freien Presse für die demokratische Kultur. Das Konzept folgt dem Peer-Education-Ansatz. Junge, eigens geschulte Trainer*innen kommen in Teams direkt in die Schule und führen die vier- bis fünfstündigen Kurse durch. Optional kann der Kurs um ein Gespräch mit einer*m unserer SPIEGEL-Journalist*innen ergänzt werden. Die Journalist*innen berichten aus ihrem Arbeitsalltag, beantworten Fragen und diskutieren mit den Schüler*innen ihre Anliegen und Interessen.

Weitere Informationen zu den Kursen finden Sie hier.
Direkt zum Bewerbungsformular geht es hier.

„Gute Nachrichten!“ ist ein gemeinsames Kursangebot von SPIEGEL Ed und der überparteilichen Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa.