Was, wenn Omikron die Schule lahmlegt?

Neues Jahr, alte Probleme: Nach den Weihnachtsferien bringen wir Sie zum Thema Corona und Schulen auf den neuesten Stand. Zum Glück haben wir aber auch noch ein paar andere Bildungsthemen im Angebot.

In dieser ersten Ausgabe der Kleinen Pause 2022 haben wir schon mal ein Eckchen für interessante Nicht-Corona-Fragen freigeräumt: Wie lassen sich Lernrückstände nach fünf Jahren ohne Grundschule aufholen? Dieses Problem stellt sich in Teilen Ecuadors. Zwei neue Studien liefern zudem Antworten auf die Fragen: Woran hängt der soziale Aufstieg in Deutschland? Und wieso ist eigentlich trotz sinkender Schülerzahlen die Zahl der Förderschüler hierzulande kaum gesunken? (»Das ist los«)

Sie haben es geahnt, am Thema Corona kommen wir natürlich trotzdem genauso wenig vorbei wie Sie. Die Virusvariante Omikron verunsichert, die Grafiken mit den Infektionszahlen in Deutschland färben sich stellenweise dunkelrot. Was bedeutet das für die Schulen?

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat sich mit der Lage am vergangenen Mittwoch befasst und erstens (inzwischen überaus erwartbar) verkündet, die Schulen sollten offen bleiben, Präsenzunterricht habe oberste Priorität. Zweitens wurde (genauso erwartbar) mitgeteilt, man habe sich nicht auf ein gemeinsames, bundesweit einheitliches Vorgehen geeinigt. So gehen die Bundesländer nun (ebenfalls erwartungsgemäß) sehr verschieden vor. Wir berichten über die unterschiedlichen Strategien – und wie sie bei den Praktikern ankommen (»Debatte der Woche«).

Zum Jahresanfang und Neustart nach den Ferien wünschen wir Ihnen viel Kraft. Gönnen Sie sich hin und wieder eine Pause; zum Beispiel mit dem Lesen dieses Newsletters.

Bis in zwei Wochen, herzlich

Das Team von »Kleine Pause«

Feedback & Anregungen?

Neuer Workshop: Diskriminierende Sprache und Narrative
Welche diskriminierenden Narrative gibt es in der Medienberichterstattung und wie können Schüler:innen dafür sensibilisiert werden? Unsere jungen Medien-Fellows haben einen medienpädagogischen Workshop zu diesem Thema entwickelt, der für alle Schulformen ab Klasse 9 geeignet ist. 

Das ist los

1. Zahlenvergleich: Wieso es mehr Kinder mit Förderbedarf gibt

Der Anteil der offiziell als »geistig behindert« eingestuften Kinder und Jugendlichen ist von 1995 bis 2017 in allen Bundesländern massiv gestiegen, außer in Hamburg und Bremen. Bildungsforscher führen dies jedoch nicht darauf zurück, dass tatsächlich vermehrt Kinder von geistigen Einschränkungen betroffen sind, sondern darauf, dass offenbar die vorhandenen Förderschulplätze ausgelastet werden sollten – auch dann, wenn die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler sank und deshalb eigentlich auch die Zahl der diagnostizierten Förderschüler hätte sinken müssen. Dies geht aus einer aktuellen Studie hervor. Der Inklusionsgedanke wird dadurch konterkariert. Wer mehr wissen möchte, bitte hier entlang.

2. Sozialer Aufstieg: Geld hilft auf dem Weg zum Abi

Das Abitur gilt als Schlüssel für sozialen Aufstieg in Deutschland, als wichtiges Ticket, um beruflichen und finanziellen Erfolg zu erreichen. Wer sich dieses Ticket sichert und wer nicht, hängt laut einer aktuellen Studie der Universität Mannheim weiter stark vom Elternhaus ab, wie der Kollege Johannes Pennekamp in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« schreibt. Zwar mache heute nicht mehr nur jeder Fünfte eines Jahrgangs Abitur, wie Anfang der Siebzigerjahre, sondern etwa jeder Zweite. Damals wie heute gelte jedoch: Je reicher die Eltern, desto höher die Chance auf das Abitur. Die Details und wie Deutschland im internationalen Vergleich abschneidet, lesen Sie hier.

3. Lernrückstände: Aufholen nach fünf Jahren ohne Grundschule?

Über Wochen und Monate fand in Deutschland für Millionen Schülerinnen und Schüler wegen pandemiebedingter Schulschließungen kein normaler Unterricht statt – und das Aufholen des Stoffs klappt trotz Corona-Aufholprogramm zumindest aus Sicht von Lehrerverbänden mäßig. Zwar sei eine pauschale Einschätzung wegen unterschiedlicher Maßnahmen in den Bundesländern schwierig, sagte die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Maike Finnern, »mehrheitlich melden die GEW-Landesverbände jedoch zurück, dass die Maßnahmen offenbar nicht so fruchten wie geplant«. Viele Angebote würden nicht die Kinder erreichen, die am meisten Unterstützung bräuchten, sondern diejenigen, »deren Eltern sich darum kümmern«.

Das klingt nicht gut, aber im Vergleich zu den Missständen auf einigen Inseln vor Ecuador wirkt das Aufholproblem klein. Dort gab es für Hunderte Kinder jahrelang keine Grundschule. Vor welchen Herausforderungen Lehrerinnen nun stehen und wie sie ihnen begegnen, hat sich die »Zeit«-Autorin Viola Diem vor Ort angesehen. Den lesenswerten Text als »Blick über den Tellerrand« finden Sie hier.

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Debatte der Woche

Was, wenn Omikron den Unterricht lahmlegt?

In der politischen Debatte zu Corona-Schutzmaßnahmen fällt wohl kaum ein Satz so oft wie dieser: Die Schulen sollen offen bleiben. Schade nur, wenn gleichzeitig die Augen vor der Realität fest verschlossen werden. Mit steigenden Infektions- und Quarantänezahlen wegen Omikron bleibt manchen Akteuren vor Ort unter Umständen irgendwann keine andere Wahl mehr, als Schülerinnen und Schüler zu Hause zu lassen. Denn in den Schulen fehlt schlicht das Personal, das sie unterrichten könnte.

In den USA kommt es bereits zu entsprechenden Szenarien, wie Heike Buchter in der »Zeit« schreibt. An Frankreichs Schulen herrscht laut einem Bericht der »Frankfurter Rundschau« ebenfalls Chaos. In Deutschland will man sich trotz allem offenbar nicht flächendeckend auf vermehrte Ausfälle an Kitas und Schulen wegen Krankheit oder Quarantäne vorbereiten. Weder die KMK noch Bund und Länder verständigten sich auf ein bundesweit einheitliches Vorgehen, zum Ärger unter anderem des Präsidenten des Deutschen Städtetages, Markus Lewe. Er fordert von Bund und Ländern ein Sofortprogramm für Kitas und Schulen, um im Notfall die Stunden von Teilzeitkräften erhöhen und Aushilfskräfte einsetzen zu können.

Bundesländer wie Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern haben immerhin Strategien entwickelt, wie mit vermehrten Quarantänefällen umzugehen ist. Dabei erhalten (mal wieder) die Schulleiterinnen und Schulleiter eine Schlüsselrolle – und noch etwas mehr Verantwortung. Einigen platzt angesichts dieses Vorgehens langsam die Hutschnur, andere sehen durchaus Vorteile in den neuen Vorgaben. Unseren Stimmungsbericht lesen Sie hier.

Neuer Workshop: Schneller als der Algorithmus
Wie funktionieren Algorithmen und welchen Einfluss nehmen sie unsere Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse? Unsere jungen Medien-Fellows haben einen medienpädagogischen Workshop zu diesem Thema entwickelt, der für alle Schulformen ab Klasse 9 geeignet ist. 

Gut zu wissen

Immerhin, diese Regel gilt an Kitas und Schulen nun bundesweit: Schülerinnen, Schüler und Kindergartenkinder dürfen nach fünf Tagen mit negativem PCR- oder Antigentest aus der Quarantäne entlassen werden. Dies ergebe sich daraus, dass sie in Schule oder Kita in »serielle Teststrategien« eingebunden seien, heißt es im Bund-Länder-Beschluss. Bei der Isolation nach einer Ansteckung gelten für sie die gleichen Regeln wie für Erwachsene. Ausnahmen von der Quarantäne sind möglich, wenn sich etwa durch tägliche Testungen oder Maskenpflicht im Klassenraum ein hohes »Schutzniveau« ergebe. Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sieht das kritisch: »Wenn diese Aufweichung der Quarantäneregeln dazu führt, dass mehr Infizierte unerkannt in Schulen herumlaufen, wird der Schuss nach hinten losgehen«, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Zum guten Schluss

Sollten Sie als Lehrerin oder Lehrer, Mutter oder Vater, Erzieherin oder Erzieher bereits von Schulschließung und Distanzunterricht betroffen sein, wird Ihre Geduld möglicherweise sehr auf die Probe gestellt. Vielleicht kann Sie dann dieser Text des Kollegen Philipp Bethge ein wenig trösten. Er beleuchtet hier einen positiven Nebeneffekt der Schulschließungen.

Vielen Dank für Ihr Interesse. Machen Sie es gut!

Ideen, Anregungen, Feedback? Wir freuen uns über Post an bildung@spiegel.de.

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